In stürmischen, teils stoischen Zeiten

Der im letzten Jahr verstorbene französische Philosoph und Seefahrer Michel Serres hatte ein besonderes Vermögen dafür, sein komplexes Denken der vielschichtigen Gegenwartsanalysen in lebendige Metaphern einzukleiden. Nicht zuletzt sind die fünf Elemente, denen er ein ganzes Buch widmete, ein seismographischer Bezugspunkt von Serres, worin immer wieder gedankliche Zeichnungen des Wassers und der hohen See hervorstechen.

In der heutigen eigenartig ruhigen wie gleichermaßen stürmischen Zeit, inmitten einer gesellschaftlichen Pandemie und des daher notwendigen „auf Sicht Fahrens“, kommen mir Serres Orientierungshilfen immer wieder in den Sinn. Nicht nur aufgrund seines bedeutsamen Werks „Der Parasit“, sondern womöglich auch aufgrund meines jetzt bereits einsetzenden Fernwehs und eines Bedauerns um den sich teilweise abrupt aufzeigenden nationalen Abschottungen und Grenzziehungen. Gemeint sind gedankliche Abschottungen und nicht die notwendigen Rücksichtsmaßnahmen zur Förderung interindividueller Freiheit.

Serres beschrieb die globalisierte Expansion des Seins moderner Netzwerkgesellschaften kritisch wie optimistisch zugleich. Der Mann, der sich in fünf Büchern intensiv anhand Hermes, dem antiken Schutzgott u.a. der Reisenden und Überführer der Seelen der Verstorbenen, mit Kommunikationsformen auseinandersetzte, war erfreut über die Möglichkeiten moderner Telefonkonferenzen, mit welchen er sich bis in die letzten Zipfel der Erdkugel menschlich verbinden konnte. Noch mehr schien er davon überzeugt, dass die Netze (wohlgemerkt: Netze als geschlossen-offene Orte, wie die der Seefahrenden, nicht bloß Netzwerke) der nächsten Epoche einen Ermöglichungssinn im noch leeren Raum freisetzen würden.

Und diese Netze suchen wir momentan wie selbstverständlich auf. Wie mutige Segler_innen oder Schwimmer_innen, die einen breiten Fluss oder eine Meerenge überqueren, ohne deren genauen Wege zu kennen. Serres unterscheidet hierbei drei Phasen. Die erste Phase, wo wir noch das Ufer sehen, von welchem wir losgeschwommen sind sowie die letzte Phase, wo uns bereits sichtbar wird, worauf wir zustreben möchten. Beide kennzeichnet die uns vertraute Sicherheit in einer Form der Beherrschung, wo wir uns noch am Herkunftsufer oder aber bereits am Ziel unserer Wunschvorstellungen befinden.

Entscheidend jedoch für Serres ist die Phase der Mitte, des Dazwischen eines mehr oder weniger langen Weges, dem ein gewisser pathetischer Augenblick innewohnt. Was Serres pathetisch nennt, verweist durchaus auch auf eine spirituelle Lesart, wie sie häufig in seinen Arbeiten als dauerhafte Zielwahl eines Worumwillens einströmt:

In einem Zustand der Unruhe, des Schwebens, des labilen Gleichgewichts bemerkt er [der Schwimmende – Anm. J.M.] einen unerforschten Raum, der auf keiner Karte verzeichnet ist und den weder der Atlas noch ein Reisender jemals beschrieben hat. In seinem Wunsch nach einer Übersetzung muss er durch jenen fließenden Übergang hindurch, den die Präposition „zwischen“ bezeichnet. Er folgt einer Achse oder stürzt in eine merkwürdige Schleuse hinein, um die herum die Unterschiede der Welt sich drehen. (…) Ist es nicht so, dass wir genau diese transparenten, virtuellen Übergangsräume, die seit ältesten Zeiten den Nomaden und Umherwandernden bekannt waren und so alt sind wie jeder Entdeckungsfahrt durchquerte Wüste – dass wir genau diese Räume mit unseren Netzen bevölkern und darin leben, wenn wir mit Menschen am anderen Ende der Erde sprechen? (Serres 2005, S. 22–23)

Ich möchte, auch in Bezug zum Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus, in diesen teils düsteren, teils lichtvollen, teils stürmischen, teils seltsam ruhigen Zeiten mich nicht dazu verleiten lassen, nun Serres Arbeiten derart zu strapazieren, sodass sie einer Kulturreflexion der aktuellen globalen Pandemie der Gesellschaft dienlich gezerrt werden. Nein, ich möchte den Halt reflektieren, den bspw. Serres Werke im Versuch eines Verständnisses des Weges zwischen bekannten Formen und gefühlt uferlosen Grenzerfahrungen geben können, der sich beim Betrachten des abendlichen Corona-News-Tickers und den sich schmerzlich einbrennenden Bildern bspw. aus New York, Norditalien oder Ostfrankreich, nicht ohne stürmische Wellen herzugeben vermag.

Paul Celans Lob der Ferne findet mögliche verbale Rahmungen dieser Leere und Lehre, mit den wundervollen und hoffnungsvollen Worten eines Denkers aus äußerst düsteren Zeiten. Der Einsamkeit eines umherschwirrenden, zurückgewiesenen Ichs sowie der uferlosen Unverfügbarkeit des Todes stellt Celan den einzigen Halt in der Begegnung mit dem Du, welches freundschaftlich, gleichzeitig die Individualität und Einzigartigkeit des expandierenden und doch stets gleichbleibenden Menschseins aufrechterhält, gegenüber (Celan 1999, S. 25):

Im Quell deiner Augen

leben die Garne der Fischer der Irrsee.

Im Quell deiner Augen

hält das Meer sein Versprechen.

Hier werf ich,

ein Herz, das geweilt unter Menschen,

die Kleider von mir und den Glanz eines Schwures:

Schwärzer im Schwarz, bin ich nackter.

Abtrünnig erst bin ich treu.

Ich bin Du, wenn ich ich bin.

Im Quell deiner Augen

treib ich und träume von Raub.

Ein Garn fing ein Garn ein:

wir schneiden umschlungen.

Im Quell deiner Augen

erwürgt ein Gehenkter den Strang. 

Bild/Quelle: Vicky Ng / Unsplash

Literaturverzeichnis

Celan, Paul (1999): Die Hand voller Stunden. Gedichte. 4. Auflage. Hg. v. Michael Krüger. München: Deutscher Taschenbuch Verlag (dtv, 12589).

Serres, Michel (2005): Atlas. Berlin: Merve-Verl. (Internationaler Merve Diskurs, 260).

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