Moral Distress in Sozial- und Pflegeberufen: Vortragsabend des Tranferprojekts „Versorungsbrücken“

Die Transferinitiative des Pilotprojekts „Versorgungsbrücken“ am Standort Aachen begleitete seit 2019 einen Austausch innerhalb und zwischen Organisationen aus unterschiedlichen Kontexten der palliativen Sorgearbeit. Der Vortrags- und Diskussionsabend in Aachen unterstrich die Wichtigkeit motivierter, erfüllter und gesunder Fachkräfte.

Die Transferinitiative des Pilotprojekts „Versorgungsbrücken“ am Standort Aachen ist eine Kooperation zwischen der katho am Standort Aachen und dem Caritasverband für das Bistum Aachen, unter der Leitung von Prof. Dr. Rainer Krockauer und Prof. Dr. Andreas Wittrahm. In ihren Aktivitäten begleitete und moderierte die Transferinitiative seit 2019 einen Austausch innerhalb und zwischen Organisationen aus unterschiedlichen Kontexten der palliativen Sorgearbeit, insbesondere in der stationären Altenhilfe. Es entwickelte sich ein gemeinsamer Austausch und Lernweg mit Blick auf nachhaltige und innovative Entwicklungsprozesse.

Diese wurden experimentell in den darin entstandenen „Care-Laboren“ erprobt und beforscht sowie in unterschiedlichen Austauschformaten und Fachtagen im Transfer zwischen Hochschule und Praxis reflektiert. Mehr und mehr rückten dabei die Bedürfnisse und Ressourcen der professionell Sorgenden selbst als Voraussetzung in den Mittelpunkt. Dazu gehören über die monetäre Wertschätzung hinaus auch ihre existenziell-spirituellen Fragen, Anliegen und Bedürfnisse, die wiederum in starker Resonanz und Wechselwirkung mit der jeweiligen konkreten Organisationskultur vor Ort stehen.

Einen nachhaltigen Eindruck hat im Laufe des Projektes besonders die psychisch-seelische und physische Belastungssituation von Pflege- und Sozialberufen hinterlassen, die nicht erst in der Covid-19-Pandemie allgegenwärtig und zum brennenden Thema wurde. Im wissenschaftlichen Diskurs wird diese Belastungssituation aufgrund einer vielfach überfordernden Arbeitssituation unter dem Begriff „moral distress“ auf den Punkt gebracht und umschreibt die innere Spannung zwischen dem, was zu tun ist, und dem, was der Einzelne eigentlich, das heißt „im Grunde seines Herzens“, tun will.

In den Vordergrund rücken, wofür man lebt

Die einleitenden Worte der Abendveranstaltung von Prof. Dr. Rainer Krockauer zitierten die Reflexionen der französische Rabbinerin Delphine Horvilleur über ihre Erfahrungen aus der Trauerbegleitung und den Gesprächen mit Angehörigen Verstorbener (Hanser 2022). Darin sei sie bemüht, das Leben nie von seinem Ende her zu erzählen, sondern anhand dessen, was man in ihm für „unendlich“ gehalten hat. Dieser Perspektive folgend, eröffnete Krockauer eine Deutung des Lebens, die auch inspirierend für die eigene Gestaltung sozialer Beziehungen sowie von Kooperationsformen in der Praxis sein könne. Es gelte, (sorgend) auf die Sorgenden sowie die Pflege- und Sozialberufe zu schauen und dabei insbesondere interessiert zu fragen, was sie brauchen, um motiviert, erfüllt und gesund arbeiten zu können. Wichtig werde dabei, aufdecken zu helfen, was im Leben einen unendlichen Wert hat, beispielsweise wofür Menschen in ihrem Leben und Arbeiten „brennen“, was sie in ihrem professionellen Handeln im Innersten antreibt.

„Ohne motivierte, erfüllte und gesunde Fachkräfte geht überhaupt nichts, da gibt es keine gute und nachhaltige Care-Arbeit. Das beinhaltet auch und besonders die Reflexion und das Bewusstsein für die eigene Spiritualität und die spirituellen Ressourcen der anderen. Und ein Schlüsselthema dieser Schlüsselpersonen für Spiritual und Palliative Care ist, so ist unsere zentrale Erkenntnis im Projekt, das radikale Ernstnehmen ihrer Ressourcen, Fragen und Bedürfnisse – und damit verbunden auch die Erkenntnis, wie wichtig eine organisierte Sorge um die Sorgenden wird, zum Beispiel durch alternative Zeitplangestaltungen, passende Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen oder neue Personalstellen, die Begleitung ermöglichen“, sagte Krockauer.

Moral Distress in Sozial- und Pflegeberufen

Den darauffolgenden Fachvortrag hielt der Sorgeforscher Prof. Dr. Eckhard Frick SJ von der Hochschule für Philosophie in München. Derzeit ist er zudem am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München als Professor für Spiritual Care und psychosomatische Gesundheit tätig. Nach einer einführenden Begriffsklärung und Skizzierung der bereits seit den 1980er Jahren bestehenden internationalen Forschungsbeiträge um Phänomene wie Moral Distress, Burnout und Resilienz in Bezug auf Sozial- und Gesundheitsberufe thematisierte Frick deren interprofessionellen Schnittstellen innerhalb und außerhalb von Sorgeorganisationen. Diese seien mit Blick auf die einzelnen Personen nur in ihren komplexen Verflechtungen mit den vielfältigen internen wie externen Einflussfaktoren zu verstehen. Es geht nicht nur um die im Sozial- und Gesundheitswesen unvermeidlichen Dilemmata. Vielmehr geht es um ein zu verhinderndes Leiden und um Zwänge, die auftreten können, die die Liebe zum Beruf einschränken oder sogar verunmöglichen – ganz besonders unter den Vorzeichen der Pandemie. Auf der anderen Seite stehe eine Gewissheit darüber, was eigentlich richtig sei, verdeutlichte Frick.

Resilienz nicht einseitig auf das Individuum zurückweisen

Die Besucher_innen des Abends wurden anschließend in der von Krockauer moderierten Podiumsdiskussion mit den Expert_innen des Podiums in einen lebhaften Austausch eingebunden. Das Podium vereinte unterschiedliche Professionen und Perspektiven aus der Städteregion Aachen durch Stephanie Eßer (Hospizdienst ACD), Winfried Winkler (Seniorenhaus im Haus Hörn), Veronika Schönhofer-Nellessen (Servicestelle Hospizarbeit), Fattaneh Afkhami und Prof. Dr. Andreas Wittrahm (beide Caritasverband für das Bistum Aachen) und Prof. Dr. Manfred Borutta (katho). Die Diskussion zeigte, wie die Fachkräfte der Pflege- und Sozialberufe hohe Sinnressourcen aufweisen, die für ihre Resilienz und ihr Wohlbefinden sehr bedeutsam sind. Diese sind jedoch endlich im Vergleich zur dauerhaften Überbelastung in Kontexten der Care-Arbeit. Dem folgend sei es notwendig, eine kritisch-prüfende Haltung gegenüber den jeweils propagierten Konzepten von „Resilienz“ einzunehmen, um die Lösungen dieser komplexen Dynamiken und einhergehend auch eventuelles Scheitern nicht einseitig bei den Mitarbeitenden zu suchen. Vielmehr könne Resilienz ein neuer Name für eine Überforderung und Ausbeutung werden, wenn daraus eine einseitig auf das Individuum verschoben Forderung werde.

Sorgeorganisationen nötig, die die Belastungen ihrer Mitarbeitenden wahrnehmen

Das Podiumsgespräch endete mit einer resümierenden Perspektive von Johannes Mertens, der im Projekt als Transferreferent die Mit-Konzipierung und Operationalisierung der beforschten „Care-Labore“ verantwortete. Nicht zuletzt, weil quantitativ keine kurzfristige Lösung des Mangels an Fachkräften in Sicht sei, brauche es lernende Sorgeorganisationen, die die Belastungen und persönlichen Sinnsuchen ihrer Mitarbeitenden wahrnehmen, aufnehmen und sich danach mit Angeboten auszurichten wissen, so Mertens. Diese Form der Kommunikation und Kultur sei in den experimentellen Lern- und Erfahrungsräumen der „Care-Labore“ exemplarisch durch drei sich wechselseitig bedingende Elemente gelungen, meinte Mertens. Im Unterschied zu starren Top-Down-Modellen betonte er aus einer systemischen Perspektive die Werthaftigkeit von kollegialen Führungsaufteilungen, die Anerkennung des Strebens nach Ganzheit der Personen und einen partizipativen Umgang mit dem evolutionären Sinn der Organisationen zur gemeinsam gelebten Kultur. In einer foucaultschen Lesart der Selbstsorge blende dies notwendige politische Forderungen nicht aus, sondern ermögliche erst die kollektive Anstrengung dessen.

Im Projektzeitraum sind folgende themenrelevante Veröffentlichungen erschienen:

R. Krockauer, Feeser-Lichterfeld, U.: Explorative Diakonie – ein Werkstattbericht, in: C. Koch; H. Hobelsberger; T. Droege (Hg.), Mehr als Leitbilder. Ansprüche an eine christliche Unternehmenskultur, Freiburg 2021, 143-156.

R. Krockauer: Im Laboratorium der Kooperation von Pflege und Seelsorge, in: M. Schüßler (Hrsg.), Seelsorge in caritativen Stiftungen, Stuttgart 2022, 107-119.

J. Mertens:

 Care-Labore als organisationale Heterotopien. Reflexionen über Spiritualität und Transferlernen in Sorgeorganisationen, In: Zeitschrift Spiritual Care, De Gruyter, aop, 2022, Vorab online veröffentlicht 14.07.2022, doi.org/10.1515/spircare-2022-0039.

J. Mertens: Forschend intervenieren – Genealogie einer Kulturintervention der intendierten Störung 2. Ordnung in organisationalen Kontexten, In: Soziale Interventionsforschung, Kompetenzzentrum Soziale Interventionsforschung (KomSI), ISSN: 2749-7925, Frankfurt/Main, 2022, Im Erscheinen.

2023 erscheint ein Buch von R. Krockauer herausgegebener Sammelband, u.a. mit Beiträgen aus und über das Projekt, unter dem Titel „Spiritualität Raum geben“.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.