Fühlen und Denken in einer schlechten Welt

„Wir wussten es. Und doch wussten wir es nicht“, schreibt Hedwig Richter in einem äußerst lesenswerten Essay in der ZEIT (Richter 2022). Urplötzlich wurde alles zur Nebensache. Die letzten sieben Tage liegen wie ein schwerer Dunst über den verrauschten Informationen um die sich einbrennenden, schrecklichen Bildern, welche so einfach wie kompliziert zu ordnen sind. Einfach in der Erkenntnis, dass es sich um einen unprovozierten Angriffskrieg handelt. Weniger einfach darin, was es mit dieser Erkenntnis auf sich hat.

„Der Westen“ ist für Richter mit großer Achtung „ein merkwürdiges Konstrukt“. Er ist es auch für die vielen Menschen, die sich erneut mit Freunden ansehen müssen, wie die Lebensorte ihrer Kindheit und Familien bombardiert werden. Die Erinnerungen an einen Nachtdienst drängen sich mir diese Woche immer wieder in meinem privilegierten „Alltag“. Damals sahen wir uns auf einem Livestream an, wie die Stadt Fallujah im Irak in Flammen stand. Wir tranken Tee, sprachen kaum, umarmten uns gelegentlich. Politisch gewiss ein anderes Szenario. Für die, die sich um ihre Lieben sorgen und hoffen, sie am nächsten Tag wieder sprechen zu können, ist es ein identisches Szenario. Gänsehaut und Tränen befangen meinen Körper, wenn mir meine Freundin Maryna von Telefonaten mit ihrer Oma erzählt, welche dabei an der ukrainisch-russischen Grenze in ihrer Badewanne liegt, die eventuelle Splitter mildern könne. Das Licht in der Wohnung bleibt derzeit gänzlich aus.

In St. Petersburg wird nahezu zeitgleich bei einer Anti-Kriegsdemo die hochaltrige Elena Osipova verhaftet. Eine der bekanntesten Überlebenden der deutschen Blockade von Leningrad, bei der über eine Million Zivilisten ums Leben kamen. Viele Menschen auf der ukrainischen Seite, darunter auch Zeitzeug:innen des zweiten Weltkrieges und viele davon Pflegebedürftige, werden die nächsten Tage nicht überleben. Genauso wenig, wie die Patient:innen, Kinder und Mitarbeiter:innen der bombardierten Krankenhäuser und alle weiteren Teile der Zivilbevölkerung, deren Sterben wir uns momentan ansehen. Selbst auf die Gedenkstätte Babyn fliegen Raketen. Proteste innerhalb Russlands lassen Hoffnung keimen, ebenso wie der mutige Widerstand in der Ukraine. In der gestrigen UN-Vollversammlung enthielten sich weniger Votes (es waren 35) „neutral“ der Abstimmung und fünf lehnten den Beschluss der anderen 141 Mitgliedsstaaten, einer Resolution und Forderung des Abzug Russlands aus der Ukraine, ab. Das Ergebnis ist besser als befürchtet, auch hier keimt vorsichtig Hoffnung.    

Viel zu einfach sind (Selbst)Vorwürfe gegenüber „dem Westen“, dass man weiter auf Frieden und Diplomatie gesetzt habe. Unangenehm und unandächtig selbstsicher wirken die bereits detailklaren Analysen und Einschätzungen der üblichen Verdächtigen auf Twitter und anderen socialmedia Plattformen. Jene, die bisher nicht mit vulgären Beurteilungen zur Corona-Pandemie an sich halten konnten. Und besonders auch jene, die sich der Irrwege jener Partei anschlossen, oder „zufällig“ gemeinsam beschritten, neben denen keine andere Partei im hohen Haus sitzen möchte. Dort trifft man sich schließlich auch mit jenen, die, aus der vermeintlich völlig anderen Himmelsrichtung kommend, gleichermaßen menschlich-intellektuell stranden. Was sie alle eint, ist ihre Freiheitsfeindlichkeit im Namen der Freiheit. Im Lichte dessen wurden Stimmen von Autor/in:innen wie Geoffroy de Lagasnerie zu stark relativiert, wenn sie konsequent diversitätssensibel und universalistisch, mit sicherlich nicht aus allen Perspektiven gleichermaßen zugänglichen Verve, anklagten, wie zuweilen vergessen werde, „dass die schlechte Welt auf dem Vormarsch ist, dass sie funktioniert und die Machtsysteme sich durchsetzen und reproduzieren. (…) In einer Welt, die sich im Krieg befindet, bedeutet Neutralität, die Fortsetzung des Krieges zuzulassen.“ (Lagasnerie 2018, 37ff.)

Denken in einer schlechten Welt erfordert eine bestimmte, ambitionierte, strenge und anspruchsvolle Haltung, wie wir sie u.a. in den Nachrichtenbildern derer sehen können, die Widerstand leisten. Bilder, die ihren Weg in den Diensten der Freiheit nach Den Haag finden werden. „Der Westen“ befindet sich inmitten einer überfälligen Zeitenwende im Anblick der Falschheit, der Schlechtheit. Dies stützen die Gedanken von Richter um diesen „merkwürdigen Konstrukt, von dem plötzlich so ziemlich alle wissen, was damit gemeint ist und dass es wertvoll sei“. Nach langem Zögern ist es eine Zeitenwende, die im wirklich atemberaubenden und herausfordernden Lernprozess aller nun von Außenministerin und Bundeskanzler angekündigt wurden.

„Europa muss sich selbst verteidigen können, so unrealistisch das noch klingt. Doch noch mehr geht die Einsicht einher mit der ökologischen Transformation. Die Veränderungen und die Zumutungen müssen kommen, damit nicht der Planet und mit ihm jede Menschlichkeit und Demokratie zugrunde gehen. (…) Die Idee kann nicht mehr sein, dass es die Kinder noch besser haben, sondern, dass irgendwie ein Leben in Frieden, Demokratie und Sicherheit weiterhin möglich ist. (…) Und doch sollte jetzt nicht die andere Lehre aus den Weltkriegen in Vergessenheit geraten: Der Frieden ist kostbar – und mit ihm sein Klima der Gendersterne und Schneeflöckchen. Wenn wir diese Friedenswelt vergessen, wenn wir ihre Diskurse dekadent nennen, hätte Putin, der Freiheitsfeind, in vielerlei Hinsicht gewonnen. Es ist nicht ganz einfach, den Friedenswunsch und den Verteidigungswillen in Einklang zu bringen. Und es ist absolut verständlich, dass sich nach vielen Generationen des Friedens die Menschen damit schwertun. Aber es ist notwendig.“ (Richter 2022)

Literaturverzeichnis

Lagasnerie, Geoffroy de (2018): Denken in einer schlechten Welt. Erste Auflage. Berlin: Matthes & Seitz Berlin.

Richter, Hedwig (2022): Krieg in Europa Gendersterne, Schweiß und Tränen. In: Zeit, 28.02.2022.

Bild/Quelle: Sunguk Kim/Unsplash

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