Schritt für Schritt, oder: Was wir von Beppo lernen können

Aufgrund eines engen Kontakts mit einem nachweislich mit dem Coronavirus Infizierten mussten meine Familie und ich unter Einbezug der entsprechenden Inkubations- und Wartezeit bis zum Eintreffen der Testergebnisse kürzlich eine komplette Woche in häuslicher Quarantäne verbringen.

Unter dem belastenden Eindruck dieser verpflichtenden Anweisung und nicht zuletzt in Ungewissheit bzgl. der potenziellen gesundheitlichen Gefährdung meines Kindes sowie der Dauer dieser Schutzmaßnahme, fragte ich mich anfangs ständig: Wie sollen wir das schaffen? Wie jeden dieser Tage ohne Kontakt zu anderen Menschen und nur in den eigenen vier Wänden zubringen?

Ungeachtet der Tatsache, dass dieser Aussage – insbesondere in Relation zur um so viel härteren, dramatischeren und bedrohlicheren Lebensrealität vieler anderer von den Auswirkungen der Pandemie oder anderen Schicksalsschlägen (Mit-)Betroffener – ein gewisses Maß an Egoismus und Selbstmitleid nicht abgesprochen werden kann, hielt mich diese Frage zunächst in Atem und auch des Nachts wach. Plötzlich erschien mir unsere Wohnung deutlich kleiner und enger als sonst; jeder der ersten Tage unserer Quarantänewoche lag morgens wie ein unendlich langer Weg vor mir, und immer wieder kamen Gedanken daran, für wie lange wir wohl in dieser Situation würden verharren müssen, auf.

Und dann…

Dann fiel mir die Figur des Straßenkehrers in Michael Endes Werk „Momo“ ein: Beppo, der seiner Freundin sein Geheimnis, seine Lebensweisheit mitteilt:

„Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man. (…)

Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muss immer nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. (…) Auf einmal merkt man, dass man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie (…).“

Schritt für Schritt und bewusst (s)einen Weg zu gehen, im Sinne der Achtsamkeit mit dem eigenen Fokus möglichst ganz im Hier und Jetzt zu sein und auch die Gewissheit, dass auch die größte Herausforderung sich irgendwie meistern lässt, sind nur einige der Essenzen, die ich für mich aus diesen Ausführungen der Romanfigur ziehe.

Manchmal mag es nicht nur schwer, sondern schier aussichtslos scheinen, Probleme, Tiefpunkte, Niederlagen, Krisen, Verluste jemals bewältigen zu können.

Aber: Es ist möglich! Nicht immer sofort, nicht immer allein, nicht immer unbeschadet. Aber: möglich.

Als ehemalige Mitarbeiterin eines Kinder- und Jugendhospizes habe ich immer wieder erleben dürfen, dass viele Eltern nach dem Tod ihres Kindes zwar ein anderes als das vorige, aber dennoch ein erfülltes Leben führen konnten. Auch das lehrt(e) mich, wie ungeahnt viel Kraft in uns Menschen angelegt sein muss, um selbst das Schlimmste überstehen zu können, ohne daran zu zerbrechen; und auch hier erfuhr ich in Gesprächen, dass es oft die unzählig vielen kleinen, mitunter unbedeutend erscheinenden Schritte mit dem Blick und Bewusstsein auf den aktuellen Moment waren, die in der Summe wirklich weiterbrachten, auch wenn bis dahin nicht selten über weite Strecken vielleicht der subjektive Eindruck von Stillstand entstanden war, ganz so, als ginge es nicht schnell genug voran.

In diesem Sinne habe ich mir vorgenommen, wieder verstärkt auf das jeweils nächste Stück meines Weges anstatt auf dessen vermeintliches Ende zu schauen, mein Bewusstsein mehr auf das Heute als das Morgen und das Jetzt anstatt das Gleich zu lenken und dabei wahrzunehmen und wertzuschätzen, wie reich ich doch an vielem bin, und sei es „nur“, dass ich frei von vielen der belastenden Erfahrungen und Herausforderungen anderer bin.

„The best way out is always through.“ (Robert Frost) – Wie weit mein Weg noch reichen und wohin er mich bringen wird, ist ungewiss. Wie ich ihn gehe, das bestimme ich.

Bild/Quelle: Weston MacKinnon on Unsplash

Literaturangabe: Michael Ende: Momo [zitiert nach Daniela-Ingrid Oberth/Psychologische Praxis & Lebensberatung in Rostock (http://www.psychologische-praxis-rostock.de/pages/der-alte-strasenkehrer-beppo/, zuletzt abgerufen am 1.12.2021)]

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