Rückblick auf die Fachtagung „Pflege und Seelsorge: zwei Perspektiven, ein Anliegen?!“ (5./6.11.2021)

Während der Tagung am 5. und 6. November 2021 stand das Zusammenspiel von Pflege und Seelsorge bei 180 Teilnehmenden im Fokus. Online, wie auch in Präsenz in der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen (katho) am Standort Paderborn, gab es rege Diskussionen. Alle waren sich einig: Es braucht ein stärkeres Miteinander beider Disziplinen und aller Sorge-Akteur_innen.

Das konkrete Miteinander von Pflege und Seelsorge ist vielfach erst noch zu bestimmen. In einem gemeinsamen dynamischen Prozess trägt es jedoch vielerorts schon jetzt Früchte. Daher richtete sich die Veranstaltung an einen breiten Interessent_innenkreis, der die Vielfalt, wie auch die (produktive) Spannung der Frage des Zusammenspiels repräsentiert: Fach- und Führungskräfte von Trägern, aus Einrichtungen, Verbänden und (Erz-)Diözesen, Interessierte aller beteiligten Berufsgruppen und ihrer Ausbildungsverantwortlichen, Vertreter_innen der Politik sowie von Patient_innenorganisationen und Selbsthilfegruppen, ergänzt durch Forschende und Lehrende aus Pflegewissenschaften, Sozialer Arbeit und Theologie.

Viele Wortbeiträge und emotionale Erfahrungsberichte am ersten Tagungstag

Direkt zu Beginn der Veranstaltung machten Karl-Josef Laumann, Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales (NRW), Bischof Dr. Franz-Josef Bode (Osnabrück) und Pfarrer Ulrich Lilie (Diakonie Deutschland) in ihren Grußworten deutlich, dass eine ganzheitliche Sorge um den Menschen unbedingt notwendig sei. Das Pflegepersonal dürfe dabei jedoch keineswegs in Vergessenheit geraten. Diejenigen, die Pflege praktizierten, bräuchten ebenfalls Seelsorge. Ebenso bedürfe es die Reflexion der Verknüpfung von Seelsorge und Pflege auch im Kontext einer generalistischen Pflegeausbildung.

Prof. Dr. Rainer Krockauer (katho) skizzierte in seinem Vortrag die Umrisse eines „Laboratoriums der Kooperation von Pflege und Seelsorge“. Eckpunkte seien hier: das spirituelle Anliegen von Seelsorge als integrativer Part von Professionalität, die Vernetzung aller Akteure in Caring Communities sowie die Klärung der Rollen von haupt- und ehrenamtlich in der Seelsorge Tätigen in diesem Miteinander.

Ähnlicher Meinung waren Prof.’in Dr. Katharina Karl (Universität Eichstätt-Ingolstadt) und Prof. Dr. Michael Isfort (katho) in ihren Beiträgen. Zur Sprache kam hier zudem, dass Pflege einen implizit seelsorglichen Aspekt habe, und es gab die dringende Empfehlung, nicht nur den Lohn, sondern auch den Arbeitsumfang der Pflegenden neu zu bemessen. Besonders in der Corona-Pandemie sei allzu deutlich geworden, dass Pflegende oftmals wider das eigene Ethos handeln mussten.

Nach den Vorträgen war sich das Publikum einig: Notwendige Zeit und notwendiger Raum für Seelsorge sind in der Praxis meist nicht ausreichend vorhanden. Der übervolle Arbeitsalltag ermögliche nur selten Gespräche mit Patient_innen und Kolleg_innen. Hinzu käme, dass sich Seelsorge nicht in Zahlen fassen ließe und damit in einem ökonomisierten Gesundheitssystem oftmals nur schwer zu rechtfertigen sei.

Das hochkarätig besetzte Plenum ergänzte am Ende des ersten Tages die Debatte durch kirchen- und sozialpolitische Perspektiven. Dr. Astrid Giebel (Diakonie Deutschland) betonte die Notwendigkeit einer Seelsorge für die Pflegenden und erinnerte zudem an die Dimension von „Spiritual Care“. Dr. Georg Schiffner (Wilhelmsburger Krankenhaus Groß-Sand) unterstrich seinerseits die Bedeutung von „Spiritual Care“, die auf gute Weise die Interreligiosität sichere, zugleich aber auch eine Sprachfähigkeit der Seelsorgenden wie Pflegenden notwendig mache. Michael Mendelin (Caritasverband für das Erzbistum Paderborn e. V.) warb für die Arbeit der Sozialdienste, betonte aber auch die Notwendigkeit, dass Seelsorge und Pflege zu einem wechselseitigen Vertrauen finden. Christoph Robrecht (Barmherzige Brüder Trier gGmbH) sah aktuell einen enormen Druck auf die Pflegenden und befürchtet einen „Pflegxit“. Sein Wunsch sei es, Mitarbeitende antwortfähig in Fragen von Kirche und Glaube zu machen. Domkapitular Msgr. Dr. Michael Bredeck (Erzbistum Paderborn) verwies auf bereits bestehende Fortbildungsangebote im Erzbistum Paderborn. Er unterstrich zudem die dringliche Notwendigkeit, eine Caring Community auf allen Sorge-Ebenen bis hinein in die Führungsetagen aufzubauen. Der Rektor der katho, Prof. Dr. Hans Hobelsberger, würdigte den aktuellen Stand der Debatte. Auf dem Feld der Praktischen Theologie unterschied er dabei zwischen dem „Ereignis Seelsorge“ und der Arbeit der für die Seelsorge Zuständigen – die Hochschule müsse auf ihre Weise und mit ihren Mitteln beiden Dimensionen gerecht werden.

Zweiter Tagungstag im Zeichen der Resonanz

In Workshops und Kurzvorträgen wurden Praxiserfahrungen und Arbeitsfelder konkret erfahrbar. Themen waren Gesprächsbegleitung, Qualifikationsmöglichkeiten der Pflegekräfte für die Seelsorge, Projekte zur Begleitung Kranker in ambulanten Diensten, Hospiz und Krankenhaus, ethische und glaubenstheologische Fragen der Begleitung von Klinik-Patient_innen sowie die Seelsorgliche Begleitung in Einrichtungen der stationären Hilfe. Die Workshops waren Orte einer engagierten Debatte, in der sich das hybride Format durch den großen, digitalen Wirkungsradius bewährte.

Am Tagungsende standen fachliche Resonanzen, thematische Verdichtungen und Empfehlungen für die Praxis von Seelsorge und Pflege. Prof.’in Dr. Daniela Händler-Schuster (Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Zürich) verwies auf die Fragmentierung der Arbeitsfelder in der Pflege und die stetige Individualisierung der Patient_innenschicksale. Zu fördern sei eine Teamkultur, in der alle an der Pflege Beteiligten ihren spezifischen Beitrag bündeln. Prof. Dr. Michael Fischer (St. Franziskus-Stiftung Münster/ UMIT Hall, Österreich) unterstrich in seinem Statement den hohen Bedarf an Seelsorge in der Pflege. Eine gute Seelsorge sei ein Gesamtpaket mit klaren Rollen für die Akteur_innen – und mit einer Vielfalt miteinander verbundener, integrierter Konzepte. Prof. Dr. Hans Hobelsberger zog schlussendlich Bilanz und verwies auf Möglichkeiten und Grenzen der Hochschule bei all den diskutierten Fragen.

Organisiert wurde die Tagung durch das das Transferprojekt „Versorgungsbrücken statt Versorgungslücken“ und das Innovation-Lab Paderborn, in enger Zusammenarbeit mit den Erzbischöflichen Generalvikariaten Köln und Paderborn, den Barmherzigen Brüdern Trier sowie den Diözesan-Caritasverbänden Köln und Paderborn.

Weitere Informationen zu den einzelnen Beiträgen und dem Tagungsprogramm finden Sie unter www.pflegeundseelsorge.de.

Bild/Quelle: Jennifer Jung

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