Eine Palliativgesellschaft – wie sähe die aus?

Byung-Chul Han ist ohne Zweifel ein brillanter, ja ein aufregender, Denker. Bekräftigend verziert werden seine Bücher mittlerweile durch entsprechende Werbe-Aufkleber des Verlags, dass er auch `der meistgelesene deutsche Zeitkritiker´ ist. Prädikat kaufenswert. Seine neueste Gedankenbewegung widmet sich der Palliativgesellschaft.

Die kurzen und scharfsinnigen Essays gaben in der Vergangenheit, in geschickten Beobachtungsperspektiven, immer wieder (gefühlte) passende Übertragungen auf das große Ganze. Dafür wird er seither in der Fachöffentlichkeit kritisiert. Es fehlt, der (zu) sehr an Hegel erinnernden Sicht auf das eine Ganze, die theoretische Passung (Nassehi. 2018). Zu Recht muss verzeichnet werden, dass Hans Arbeiten nicht der Gleichzeitigkeit von Unterschiedlichkeiten, welche eine konsistente Gesellschaftsbeschreibung für moderne, komplexe Gesellschaften jedoch aufbringen muss, standhalten können (Nassehi. 2010). Ebenso irritiert ein zu starker Fokus auf die unmittelbare subjektive Wahrnehmung und Empfindung. Das Gefühl des Zeitgeists missfällt. Han wie seinen Kritiken gleichermaßen, möchte man sagen…

Jene, durchaus berechtigten, Kritikpunkte ändern nichts an den vielen, treffenden und erhellenden Momenten seiner Essays. Auch wenn man dem Projekt einer Gesamtvernunft moderner Gesellschaften entschieden entgegenstehen mag, finden sich in Hans Arbeiten dennoch wesentliche Anschluss- und Reibungspunkte. Beispielsweise mahnte der Schwarm bereits früh vor den Gefahren und Risiken in Form der Shitstorm-Schatten, eines euphorischen und wenig reflektierten Anstürmens auf (bzw. in), die sozialen Netzwerke. Seine Müdigkeitsgesellschaft malte schonungslose Vergleichsbilder, der steigenden und freiwilligen Selbstausbeutung moderner Individuen, in verzerrten Freiheitsbildern eines ausufernden Neoliberalismus. Die Psychopolitik und Austreibung des Anderen schließlich formt eine dialektische Aufhebung, der eben primär funktionalen- und weniger qualitativen sozialen Netzwerke sowie ihre geschickte Verwendung und potentiellen, diabolischen Manipulation in der spätmodernen Mikrophysik der Macht.

Unter Vorzeichen dieser vorweggenommenen Ehrungen und kritischen Rahmungen muss sicherlich auch die „Palliativgesellschaft“ gelesen werden. Dennoch vermag, aus Sicht palliativer Sorgekontexte heraus, Hans neues Werk ad hoc durchaus verärgern, weil die aufgeführten Analogien unpassend bis befremdend wirken. Dem Untertitel „Schmerz heute“ folgend, wird auf den ersten Seiten eine palliative Gesellschaft als eine Gesellschaft auf `Glücksmission unter Algophobie´ beschrieben. Einer generalisierten Angst vor Schmerz also, die in einer Daueranästhesierung Beantwortung finde. Schmerz werde als Zeichen von Schwäche gedeutet, den es wegzuoptimieren gelte, in der ersten Generation, die ein Leben ohne Schmerz als ihr selbstverständliches Recht sehe. Was darauf folgt ist eine ästhetische Diskussion, die sich an Werken und Performance der zeitgenössischen Kunst abarbeitet und über Hans bekannte Passagen der Gewaltmechanismen eines modernen Positivismuszwangs zur Reflexion auf die Corona-Pandemie ansetzt, wo das Virus zum Spiegel der Gesellschaft mutiert. In einer Verabsolutierung des Überlebens werde das gute Leben geopfert. Das Virus dringt in die palliative Wohlfühlzone ein und verwandelt sie in eine Quarantäne, in der das Leben ganz zum Überleben erstarrt (Han. 2020. S. 23).

Nein, aus Praxis, Haltung und Theorie palliativer Sorgearbeit heraus kann man sich mit diesen Sätzen nicht zufriedengeben, sondern möchte entschieden widersprechen. Mögen die aufgestellten Bilder durchaus geistreiche Metaphern für manche Gesellschaftsgegenwarten darstellen – nichts von den Errungenschaften im Verständnis der Hospizbewegung oder des Total Pain Konzepts äußern sich hier (und damit sind beispielhaft nur zwei nennenswerte Aspekte genannt). Schmerz als komplexes Geschehen auf affektiver, vegetativer, motorischer, hormoneller, sozialer und spiritueller Ebene, in einer ummantelnden palliativen Sorgearbeit ist nichts, was es qua Wegoptimierung oder Daueranästhesierung technokratisch zu beherrschen gilt. Zum Glück, dies sei hier angemerkt, bleibt Hans Hermeneutik des Schmerzes nicht an dieser Stelle stehen. Bekanntermaßen ist ihm eine Ethik des Zuhörens und die Forderung des Handelns im Ethos des Eros nicht fremd. Im Gegenteil soll auch die Palliativgesellschaft eine kritische Forderung danach sein, u.a. mit Bezug auf dem beredeten Schmerz der christlichen Mystikerin Teresa von Avila. Dennoch zeigt sich bisweilen immer wieder die tiefe Stichhaltigkeit in der oben geschilderten Kritik, einer zu starken Strapaze der Metaphorik auf das eine Ganze. Für die Bereiche der palliativen Sorgearbeit bildet die Argumentation nahezu eine Form der Instrumentalisierung und Verdinglichung.  

Was wären stattdessen zentrale Aspekte einer Palliativgesellschaft?

Zunächst wohl eher eine Bejahung des Lebens, auf Kosten des Überlebens. Eine Palliativgesellschaft wäre ein Nachkommen der Forderung nach einer notwendigen Relationalität im Sinne der (sozialpolitischen) Care-Ethik, mit ihrer Basisoperation aus dem Wecken von Anteilnahme, Betroffenheit und Verantwortlichkeit (auch über die Sorgeeinrichtungen hinaus) (Schuchter. 2019). Nicht also technokratische (Weg)optimierung, sondern ein Hineindenken und Aushalten in der konkreten Situation und mit besonderer Hervorhebung der Beziehungen und Geschichten, in die menschliches Leben und Leiden fundamental und sinngebend verstrickt sind. Eine Palliativgesellschaft wäre eine bewusstes, resilientes Verhalten in der Begegnung mit Inkommensurabilität und begrenzter Kontrollierbarkeit. Sie wäre keine somnambule Daueranästhesierung, sondern eine konstante, achtsame Suchbewegung, die die Bedürfnisse aller Mitglieder zu kennen und würdevoll zu achten versucht. Eine Palliativgesellschaft, das wäre beherzte Mitmenschlichkeit, Nächstenliebe und Gastfreundschaft, gerade dann wenn es schmerzt.

Hans inhaltliche Füllung der Begrifflichkeit einer Palliativgesellschaft kann aus Sicht palliativer Sorgekontexten nur widersprochen werden. Was sich in ihr allerdings u.a. als wichtige Lehre entfaltet, ist eine langsam sichtbare Gefahr, zukünftig möglicher Relevanzverschiebungen in der Umwelt und (aus dieser Perspektive) Rückschritte, bspw. in einer verkürzten Materialisierung, Technokratisierung und falschen Überschreibungen der Sorge/Care- Segmente der Gesellschaft, für die kommenden Phasen der `Mit-Corna-Welt´. Dem gilt es wachsam entgegenzuwirken.

Bild / Quelle: Natalia Y @foxfox / https://unsplash.com/photos/ja7EgogVfIA

Literaturverzeichnis

Han, Byung-Chul (2020): Palliativgesellschaft. Schmerz heute. Erste Auflage (Fröhliche Wissenschaft).

Nassehi, Armin (2010): Geschlossenheit und Offenheit. Orig.-Ausg., 1. Aufl., [Nachdr.]. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, 1636).

Nassehi, Armin (2018): Die letzte Stunde der Wahrheit. Kritik der komplexitätsvergessenen Vernunft. 2. Auflage. Hamburg: Sven Murmann Verlagsgesellschaft mbH (kursbuch.edition).

Schuchter, Patrick (2019): Care-Ethik. Orientierungen für die kommunikative Alltagspraxis in Begleitung, beratung und für Organisationen. In: Monika Müller und Lukas Radbruch (Hg.): Trauerpolitik. Verluste gestalten. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht (Leidfaden, 8. Jahrgang, 3, 2019), S. 53–57.

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