Selbstreinigung

Perspektiven und Maßstäbe eines gelungenen und glücklichen Lebens aufzuzeigen, mag ein Bestreben aller Religionen sein. Besonders der Buddhismus, dessen Lehre und Praxis in der Wahrheit des Leidens in uns und in der Welt sowie dessen Überwindung gründet, hebt immer wieder hervor, dass neben dem Leiden stets die erstrebenswerte Möglichkeit von Glück und von Wohlbefinden existiert. Damit verbundene Schlüsselbegriffe wie „Achtsamkeit“ und „Geduld“ machen zugleich aber deutlich, dass dieses Glück an Arbeit gebunden ist – an die ständige Arbeit an sich selbst.     

„Zuerst zieht man im Hauseingang die Schuhe aus und stellt sie ordentlich hin. Das ist der Anfang, wenn man den Geist ordnen will.“ Diesen und weitere zunächst profan klingende Ratschläge erteilt der buddhistische Mönch Shoukei Matsumoto in seinem kleinen Buch „Die Kunst des achtsamen Putzens“. Gemäß des Titels legt er darin dar, Putzen nicht als lästige Pflicht sondern als ein tagtäglich zu wiederholendes Ritual der Reinigung anzusehen, das äußeres Wohlbefinden ebenso schenken kann wie geistige Klarheit. „Saubermachen bedeutet nicht zu putzen, weil es schmutzig ist, sondern um den Geist zu reinigen.“ In diesem Verständnis gewinnt  das konkrete Putzen, das gemeinhin als niederschwellige, zeitraubende Tätigkeit angesehen wird, symbolische und notwendige Bedeutung für den Prozess der Arbeit an sich selbst und der bedachten Sorge um sich selbst und andere. „Der Tag eines buddhistischen Priesters beginnt mit Saubermachen. (….) Wir entfernen den Schmutz, um den Geist von weltlichen Sorgen zu reinigen. Wir putzen den Dreck weg, um uns von Verhaftungen zu lösen.“ Die achtsame Reinigung der Umgebung, des eigenen Körpers und der Dinge, die uns anvertraut sind, wird zu einer kontemplativen Übung, den Geist auf das Hier und Jetzt auszurichten und eine Haltung größtmöglicher Achtsamkeit auszuprägen. „Denn das Putzen ist eine Praxis, sich auf das ‚Jetzt‘ zu konzentrieren.“

Kann Saubermachen daher glücklich machen? Gewiß, würde der japanische Mönch S. Matsumoto antworten. Denn es schenkt die Erfahrung wahrer Freiheit. Sie besteht nicht darin, den eigenen Vorstellungen und Wünschen blind zu folgen, sondern unabhängig von Gegebenheiten und Umständen ein Grundgefühl tiefer Freude in sich zu tragen. Und diese Freude entsteht durch die Erfahrung erfüllter Zeit und erfüllter Tätigkeit – wie die des Putzens. Gerade weil sie angesichts der ewigen Wiederkehr von Schmutz und Staub auch die befreiende Selbsterkenntnis lehrt, mit der Arbeit an sich selbst niemals fertig werden zu können. „Putzen sollten wir mit dem Gefühl, unser Herz zu reinigen. (…) So viel wir es auch reinigen, wir kommen damit nicht ans Ende, und genau darum geht es bei der buddhistischen Praxis.“

Literaturangabe: Shoukei Matsumoto, Die Kunst des achtsamen Putzens. Wie wir Haus & Seele reinigen. München 2019

Bild/Quelle: Shreya Sharma/Unsplash

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