{"id":995,"date":"2021-01-11T14:48:10","date_gmt":"2021-01-11T13:48:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.care-lichtblicke.de\/?p=995"},"modified":"2021-01-12T08:59:57","modified_gmt":"2021-01-12T07:59:57","slug":"die-weisheit-von-hundertjaehrigen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.care-lichtblicke.de\/index.php\/2021\/01\/11\/die-weisheit-von-hundertjaehrigen\/","title":{"rendered":"Die Weisheit von Hundertj\u00e4hrigen"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201eSeit Monaten habe ich Angst! Angst zu erkranken, Angst, meine Familie zu sehen. Danke, dass das ein Ende findet!\u201c Das bekennt eine 88j\u00e4hrige Dame offenherzig ihrem Gegen\u00fcber bei der aktuell in den Altenheimen stattfindenden Covid &#8211; 19 &#8211; Impfung. Endlich wieder Aussicht auf ein sorgenbefreites Leben und ein Ende der schmerzhaften Einschr\u00e4nkungen durch die Pandemie! Mit der Aussicht auf Impfung ist in diesen Tagen mancherorts Aufatmen zu versp\u00fcren, und Menschen nehmen in den Blick, was sie in, aber vor allem nach der Pandemie (auf)leben und gl\u00fccklich sein l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist in der Tat ein guter Impuls zu Beginn dieses neuen Jahres. Es lohnt, sich selbst zu befragen, was einen unter widrigen Umst\u00e4nden und was einen vor allem grunds\u00e4tzlich gl\u00fccklich und zufrieden leben und was sich daf\u00fcr selbst tun l\u00e4sst. Klaus Brinkb\u00e4umer und Samiha Shafy, zwei Journalisten, sind f\u00fcr diese Frage (vor der Pandemie) um die Welt gereist, um dazu Hundertj\u00e4hrige nach ihren Antworten und Lebenseinsichten zu befragen \u2013 in Sardinien, Kalifornien, \u00d6sterreich oder auch in Japan. Und: Sie besuchten jene Wissenschaftler, die das Wesen dieser erstaunlichen, lustigen und weisen Alten ergr\u00fcnden. Herausgekommen ist eine spannende Reportage und Studie \u00fcber Hundertj\u00e4hrige und ihre Antworten, wie man lange und gl\u00fccklich lebt, und was wirklich z\u00e4hlt, damit das eigene Leben gelingt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Weisheit dieser Hundertj\u00e4hrigen k\u00f6nnte unser Interesse daran wecken, was im Blick auf die eigene Lebensf\u00fchrung nachhaltig Sinn macht. Im Buch kommt ein bekannter Mediziner zu Wort, den die Weisheit der Hundertj\u00e4hrigen schon lange brennend interessiert. Der Japaner Dr. Makoto Suzuki, mittlerweile selbst \u00fcber 85j\u00e4hrig, besch\u00e4ftigt sich seit Jahrzehnten damit. Er ist jener Kardiologe, der einst herausfand, dass Okinawa, eine Inselgruppe im S\u00fcden Japans, in vielerlei Hinsicht ein \u201egeradezu gesegnet gl\u00fccklicher Ort ist\u201c. Denn die Menschen werden dort viel \u00e4lter als Menschen anderswo, sogar sehr viel \u00e4lter. \u201eUnd es sind sehr viele Menschen, die hier sehr viel \u00e4lter werden\u201c, bemerken die beiden Autoren und erg\u00e4nzen: Makoto Suzuki hat in den viereinhalb Jahrzehnten seiner Arbeit (und Studien der Hundertj\u00e4hrigen von Okinawa) gelernt und aufgeschrieben, was helfen kann, um lange gl\u00fccklich zu leben. Sie z\u00e4hlen dann im Grunde wenig \u00dcberraschendes auf: Die richtige Ern\u00e4hrung, ausreichende t\u00e4gliche Bewegung, lebenslanges, neugieriges Lernen, schlie\u00dflich den Humor, der hilft, einen hingebungsvollen Schlaf und nicht zu vergessen nat\u00fcrlich die Gemeinschaft in Familie und im Freundeskreis.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber das alles, so fasst Suzuki im Interview zusammen, wird das Geheimnis der Hundertj\u00e4hrigen im Kern nicht abschlie\u00dfend erkl\u00e4ren. Er greift dann dazu als Erkl\u00e4rung auf einen philosophisch-spirituellen Schl\u00fcsselbegriff in der japanischen Denktradition zur\u00fcck, der sich seit dem 14. Jahrhundert gehalten hat und f\u00fcr eine ganz bestimmte Haltung im Leben und zum Leben steht: IKIGAI. Dieser Begriff bezeichnet, frei \u00fcbersetzt, das, wof\u00fcr es sich zu leben lohnt, die Freude und das Lebensziel oder salopp ausgedr\u00fcckt: das Gef\u00fchl, etwas zu haben, f\u00fcr das es sich lohnt, morgens aufzustehen. Suzuki f\u00fcgt hinzu: \u201eIkigai meint unsere Leidenschaft, unsere Berufung, unsere Mission, unseren Beruf (hoffentlich), und es meint unsere Liebe. Ikigai ist die Kunst, zugleich bedingungslos und entspannt genau das zu tun, was uns etwas bedeutet, was uns gl\u00fccklich macht\u201c \u2013 und das ein Leben lang. Denn in Japan gebe es kein Wort f\u00fcr \u201eRente\u201c oder \u201eRuhestand\u201c, es liege im Wesen des \u201aIkigai\u2018, dass eine Berufung niemals endet \u2013 zumindest nicht vor dem Tod.<\/p>\n\n\n\n<p>Es lohnt wirklich, gerade im R\u00fcckblick auf das vergangene Corona-Jahr, herauszustellen, was einem im Leben wichtig war, bleibt und vielleicht noch mehr werden sollte: Die Konzentration auf das eigene IKIGAI, die eigene Leidenschaft und Mission, die eigene Berufung und Liebe. Denn, so w\u00fcrde ich dem Medizinerkollegen zustimmen und freim\u00fctig bekennen: Ohne Leidenschaft gibt es kein erfolgversprechendes Engagement! Ohne ein Verst\u00e4ndnis von Mission keine nachhaltige Realisierung von Projekten! Ohne aufrichtige Liebe gelingt keine sinnstiftende Beziehung unter Menschen, und ohne Berufung macht auch der Beruf wenig Sinn. Meine Zustimmung wird auch durch die Erfahrung mit Menschen im letzten Jahr bekr\u00e4ftigt (vgl. <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.care-lichtblicke.de\/index.php\/2020\/12\/16\/dank-den-sorgenden\/\" target=\"_blank\">https:\/\/www.care-lichtblicke.de\/index.php\/2020\/12\/16\/dank-den-sorgenden\/<\/a> ), die nicht nur in der Altenpflege im Angesicht der Pandemie ihre Leidenschaft f\u00fcr die Pflegearbeit nicht aus dem Auge verloren bzw. neu entdeckt haben, die auf Nachfrage oft ihre Mission, anderen zu helfen, freim\u00fctig bekannt haben, die sich aber v.a. gegen jegliche Einspr\u00fcche von au\u00dfen an der Verbundenheit mit den Schw\u00e4cheren und Verletzlichen festgehalten und dies bezeugt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende soll ein fast Hundertj\u00e4hriger das letzte Wort haben: Ernesto Cardenal. Am 1.3.2020 ist der gro\u00dfe Dichter, Priester und Revolution\u00e4r aus Nicaragua im Alter von 95 Jahren in Managua verstorben. Er wird allen, die ihn gekannt und gelesen haben, schmerzlich fehlen, aber seine Texte bleiben f\u00fcr immer! Cardenal hat mit seinen Texten den Kapitalismus auf seine Seelenlosigkeit hin durchleuchtet, verfolgte lebenslang eine rebellische Vision von Gerechtigkeit und Liebe und setzte dem Hass und der Gewalt die Macht von Worten und Gesten entgegen. Cardenal glaubte bis zuletzt an die \u201eRevolution der Liebe\u201c. Denn, wie er noch zuletzt bei einer Lesung bekr\u00e4ftigte: \u201eDer Hass ist immer reaktion\u00e4r. Nur die Liebe ist revolution\u00e4r.\u201c Uns allen in diesem Sinne und in diesem Jahr alles Gute!<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:12px\">Literatur:<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:12px\">Brinkb\u00e4umer, Klaus\/ Shafy, Samiha (2019): Das kluge, lustige, gesunde, ungebremste, gl\u00fcckliche, sehr lange Leben. Die Weisheit der Hundertj\u00e4hrigen. Eine Weltreise, Frankfurt\/M.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:12px\">Cardenal, Ernesto (2004): Das Buch von der Liebe, Aus d. Span. v. Anneliese Schwarzer de Ruiz, 5. Aufl. Wuppertal.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:11px\">Bild \/ Quelle: Ellen26 \/ pixabay<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eSeit Monaten habe ich Angst! Angst zu erkranken, Angst, meine Familie zu sehen. Danke, dass das ein Ende findet!\u201c Das bekennt eine 88j\u00e4hrige Dame offenherzig ihrem Gegen\u00fcber bei der aktuell in den Altenheimen stattfindenden Covid &#8211; 19 &#8211; Impfung. 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