{"id":953,"date":"2020-12-09T09:17:41","date_gmt":"2020-12-09T08:17:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.care-lichtblicke.de\/?p=953"},"modified":"2020-12-11T11:14:31","modified_gmt":"2020-12-11T10:14:31","slug":"es-war-einmal-der-mensch-im-mittelpunkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.care-lichtblicke.de\/index.php\/2020\/12\/09\/es-war-einmal-der-mensch-im-mittelpunkt\/","title":{"rendered":"<strong>Es war einmal &#8230; der \u201eMensch\u201c im Mittelpunkt<\/strong>"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Wir freuen uns sehr dar\u00fcber, dem Zwischenruf der hochgesch\u00e4tzten Kolleginnen Andrea Rose, Susanne Kiepke-Ziemes und Renate Zwicker-Pelzer<\/em> auch hier Geh\u00f6r verschaffen zu d\u00fcrfen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Sprecherinnen der Fachgruppe Pflege der DGSF haben ihren 2. Zwischenruf in der Coronazeit ver\u00f6ffentlicht. Er nimmt nach viel Wirrnissen rundum die station\u00e4re Versorgungslage Deutlicher die Perspektive der Menschen ein, die sich mit mehr oder weniger pers\u00f6nlichen Einschr\u00e4nkungen (krank, hochaltrig oder behindert) durch die schwierige Zeit besonders hart betroffen bewegen und mit ihren Zugeh\u00f6rigen ziemlich aus dem Mittelpunkt geraten. Nicht nur die Pflegekr\u00e4fte, die Sozialarbeiter*innen bleiben wenig beachtet, die W\u00fcnsche an ein einigerma\u00dfen lebenswertes Leben der Betroffenen selbst mit ihren Angeh\u00f6rigen bleiben meist auf der Strecke.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>Zwischenruf der Fachgruppe \u201esystemisch {pflegen-betreuen-begleiten} beraten\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>W\u00e4hrend der Corona-Pandemie ist es noch offensichtlicher geworden, dass berufs- und gesundheitspolitischer Anspruch und situative Wirklichkeiten der gesundheitlichen Versorgung in unserem Land oft weit auseinanderklaffen und auch oft nicht zusammenpassen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Die im Gesundheitswesen T\u00e4tigen mit ihrem Knowhow, ihren Werten und beruflichen Auftr\u00e4gen (beachte: diese Auftr\u00e4ge haben sie von der Gesellschaft erhalten) passen schwerlich zu den jetzigen systembedingten Umwelten und deren Anforderungen. Eine systemische Anpassungsleistung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe! Auch wenn sich die Symptomatik der Problematik bei Einzelnen zeigt und die Intensivpflegekr\u00e4fte in den Medien oftmals als Symptomtr\u00e4ger*innen benannt werden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Wir wollen mit diesem Zwischenruf ein Zeichen setzen, um die Krise auch als Chance zu verstehen, um das Gesundheitswesen zukunftsf\u00e4higer zu machen. Aus unserer Sicht bedarf es dazu einer grundlegenden und systemisch wirksamen Gesundheitsreform.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Wenn uns Menschen st\u00e4rkere Hilfebed\u00fcrftigkeit und Krankheitsph\u00e4nomene ergreifen, dann scheinen elementare ethische Regeln derzeit wie verloren, vergessen, ja sie \u201ewaren\u201c einmal.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zunahme an psycho-physio-sozialen Symptomen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ob Menschen nun Patient*innen im Krankenhaus oder Bewohner*innen in der station\u00e4ren Altenhilfe oder Pflegebed\u00fcrftige im h\u00e4uslichen Umfeld sind, ob sie \u2013 egal welchen Alters \u2013 mit Behinderungen und Einschr\u00e4nkungen in der Familie, ambulant, teilstation\u00e4r oder vollst\u00e4tion\u00e4r versorgt werden, die psychischen und sozialen N\u00f6te wachsen an und manchmal scheinen sie die k\u00f6rperlichen Schw\u00e4chen zu dominieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei sind genau diese Menschen vermehrt Gef\u00fchlen von Angst, Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit ausgesetzt und durch unzureichende soziale Kontakte beeintr\u00e4chtigt. Auch die Nutzung moderner digitaler Medien steht nur 26% der sogenannten Hochaltrigen zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Studie aus der h\u00e4uslichen Altenpflege in Zeiten von COVID-19 (Horn\/Schweppe 19.2020, NDV) belegt vielf\u00e4ltige Auswirkungen \u00fcber die Situation pflegender Angeh\u00f6riger und den Pflegebed\u00fcrftigen. Bspw. f\u00fchlen sich fast 40 % der pflegenden Angeh\u00f6rigen in der derzeitigen Situation \u00fcberlastet, 33 % berichten von h\u00e4ufigeren Konflikten und 60,60 % sagen, dass sie weniger Arztbesuche aufgrund der Pandemie wahrgenommen zu haben. 70,80 % haben wachsende Einsamkeit und depressive Verstimmungen bei der pflegebed\u00fcrftigen Person wahrgenommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Demgegen\u00fcber erhalten nur 5 % der \u00fcber 65-j\u00e4hrigen und nur 1 % der Hochaltrigen mit der Diagnose Depression, Empfehlungsgrad A (trotz Wirksamkeitsbelegung von Psychotherapie im Alter) psychotherapeutische Hilfen (Krankenkassen 2016). Diese Daten illustrieren die Not und den zwischenmenschlichen Bedarf vor allem vulnerabler Personengruppen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die bisherigen Erfahrungen der Abschottung von Familien, Einzelpersonen und Institutionen bei der Bew\u00e4ltigung in der Corona-Pandemie hat klar gemacht, dass Gesundheit mehr ist, als frei vom Virusbefall zu sein. Gesundheit von Personen, Teams und anderen Systemen ist wesentlich auf ein Miteinander, dem Ber\u00fchrt-Werden und Ber\u00fchrt-Sein angewiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Corona-Pandemie mit ihren politischen Schutzma\u00dfnahmen werden die Grundrechte auf Unversehrtheit, das Recht auf Familie und soziale Kontakte ziemlich au\u00dfer Kraft gesetzt. Zur\u00fcck bleiben wehrlose, kraftlose, angstvolle Menschen, die ohnehin mit ihren meist k\u00f6rperlichen Einschr\u00e4nkungen zu k\u00e4mpfen haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Demgegen\u00fcber sollte psychosoziales Krisenmanagement stehen, wie es das Bundesamt f\u00fcr Bev\u00f6lkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BKK) in der aktuellen biologischen Schadenslage wie der COVID-19-Pandemie vorsieht. Konzepte psychosozialer Notfallversorgung (PSNV) m\u00fcssen an die Anforderungen einer biologischen Lage dieses Ausma\u00dfes angepasst und ausgef\u00fchrt werden. Eine bedarfsorientierte psychosoziale Versorgung ist ein wesentlicher Aspekt der sekund\u00e4ren Pr\u00e4vention von Belastungsst\u00f6rungen (BKK, 2012). Psychosoziale, traumazentrierte und psychotherapeutische Hilfen, wie sie u. a. auch die zertifizierten Mitglieder der DGSF zur Verf\u00fcgung stellen, sind st\u00e4rker einzubeziehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Regulierung und Selbstregulierung am Ende?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sind wir vor lauter Sorge um die Pandemie und den die pers\u00f6nliche Gesundheit sehr einschr\u00e4nkenden Regelungen nicht gleichzeitig dabei, Menschen in Krankheit, mit betagtem Alter oder Menschen mit Behinderungen zu entsozialisieren, zu vereinzeln? Wo hat sorgendes Verhalten der Versorgungsdienstleistungen ihre Grenzen? Die sozialen Fachkr\u00e4fte leisten Aufgaben der Vermittlung \u2013 einem Spagat gleich \u2013 zwischen den urpers\u00f6nlichen W\u00fcnschen und Bed\u00fcrfnissen der Betroffenen mit ihren Angeh\u00f6rigen und den gesellschaftlichen Akteur*innen andererseits. Komplexere Systemfragen stellen sich neu:<\/p>\n\n\n\n<ul><li>In welcher Weise werden Informations- und Kommunikationswege zwischen relevanten Systemen partizipativ gestaltet? Wo werden Selbstwirksamkeit und Resilienz der Systeme gest\u00e4rkt?<\/li><li>Wer von uns \u201edurchschnittlich Gesunden\u201c m\u00f6chte sp\u00e4ter hochaltrig \u201eweggesperrt\u201c werden, vom \u00f6ffentlichen Versorgungssystem entm\u00fcndigt und mit der eigenen Sehnsucht nach Achtung und respektvollem Gesehen-werden, mit jemandem sprechen zu k\u00f6nnen, alleine bleiben?<\/li><li>Wer von uns h\u00e4lt es ohne jeglichen Familien- und Freundeskontakt und unterschiedlich krank und alt in einem Mehrbettzimmer gut aus, ohne seelischen Schaden zu nehmen?<\/li><li>Wer von uns m\u00f6chte an seinem Lebensende alleine bleiben in seinem Sterben, von lieben Menschen verlassen (weil Besuchsverbot)?<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Gesundheit und Krankheit, Alter und Hochaltrigkeit, Kindheit und Jugendlichkeit, Lebensbeginn und Lebensende sind Pr\u00fcfsteine der Systemrelevanz eines jeden Menschen in unserer Gesellschaft, in der jede*r in jedem Zustand relevant ist. Die Fixierung des kompletten Gesundheitssystems auf ein Virus l\u00e4sst z. B. die Sorge um die Gesundheit und Gesundheitsversorgung der \u00fcbrigen 90\u201398 % der Gesellschaft in den Schatten r\u00fccken. Die Sorge um k\u00f6rperliche, emotionale und soziale Gesunderhaltungsstrategien (pers\u00f6nlich, sozial vernetzt, institutionell und gesellschaftspolitisch) ist wie vergessen.<\/p>\n\n\n\n<ul><li>Wie k\u00f6nnen und wollen Menschen jeglichen Alters und jeglicher Verfasstheit ihre Gesundheit sch\u00fctzen? Wie viele solidarische Unterst\u00fctzungssysteme werden ben\u00f6tigt?<\/li><li>Wie und womit kann gelebte Solidarit\u00e4t in f\u00fcr den Einzelnen relevanten sozialen Umwelten und Netzwerken dazu beitragen, ein sinnvolles und w\u00fcrdiges Leben und Sterben zu unterst\u00fctzen? Welche Systeme haben hier auch einen dienenden Charakter?<\/li><li>Wie kann ein dem Menschen und nicht nur der Gesundheit verpflichtetes Gesundheitssystem seine M\u00f6glichkeiten und Grenzen zum Dienst der Menschen und unserer demokratischen Gesellschaft verwirklichen?<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Ein Zur\u00fcck zu einer Normalit\u00e4t wird es zuk\u00fcnftig nicht geben. Es geht vielmehr um die nachhaltige Erweiterung unserer aller M\u00f6glichkeiten \u2013 als Resultat der Reflexion der gegenw\u00e4rtigen virusbedingten Krise.<\/p>\n\n\n\n<p>Die DGSF als familientherapeutischer Fachverband lenkt den Blick<\/p>\n\n\n\n<ol type=\"1\"><li>auf die intergenerationelle Sorge, auf das Mitsorgen und auf die Verbundenheit von Einzelnen mit ihrem Herkunftssystem, denn die Betroffenen wie deren Angeh\u00f6rige leiden unendlich.<\/li><li>auf die helfenden Berufe im Kranken-, Alten- und Versorgungssystem. Die erste Welle der Wertsch\u00e4tzung im Fr\u00fchjahr dieses Jahres ist abgeebbt, was bleibt \u00fcber den Beifall hinaus? Was bildet sich neu ab? Mit Sorge sehen wir, wie die Pflegeprofessionellen ersch\u00f6pft sind und in gro\u00dfer Sorge um eine Ansteckung und eigene Erkrankung mit ihren medizinischen Kolleg*innen alleine bleiben, ja \u201everwaltet werden\u201c.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>Auch sehen wir, wie die Soziale Arbeit in den station\u00e4ren Einrichtungen der Altenhilfe zur\u00fcckgefahren oder berufsfremd eingesetzt wird. Gro\u00df war sie ohnehin auch vor der Pandemie nicht. Vom ambulanten Bereich brauchen wir hier gar nicht zu sprechen. Entgegen der erweiterten Schadenslage durch COVID-19 werden psychosoziale Hilfen ab- statt aufgebaut.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der einzelne Mensch und seine\/ihre Befindlichkeit geh\u00f6rt neu ins Zentrum der \u00dcberlegungen, nicht seine\/ihre Instrumentalisierung f\u00fcr ein Krankheitssystem und deren Abrechenbarkeit von Leistungen.<\/strong><em><\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Die DGSF und insbesondere die <\/em><em>Fachgruppe \u201esystemisch {pflegen-betreuen-begleiten} beraten\u201c rufen dazu auf, dass sich alle Expert*innen im Gesundheits- und Sozialsystem aktiv an den transformatorischen Prozessen auf den verschiedenen Systemebenen (Makro-, Meso- und Mikroebene) einsetzen. Jede*r an seinem Platz mit seinen Potenzialen m\u00f6ge unterst\u00fctzend sein. Die beteiligten Systeme (Betroffene, Angeh\u00f6rige und sozial helfende Berufe in der Versorgung) d\u00fcrfen sich besser miteinander verzahnen und: Jede*r ist Expert*in und politisch.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Als Ansprechpartnerinnen f\u00fcr die Fachgruppe \u201esystemisch {pflegen-betreuen-begleiten} beraten\u201c stehen Ihnen zur Verf\u00fcgung:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Andrea Rose, Susanne Kiepke-Ziemes und Renate Zwicker-Pelzer<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Fachverband:&nbsp; <strong><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.dgsf.org\/fachgruppe\/pflege\" target=\"_blank\">www.dgsf.org\/fachgruppe\/pflege<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"mailto:fachgruppe-pflege@dgsf.org\">fachgruppe-pflege@dgsf.org<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.dgsf.org\/themen\/stellungnahmen-1\/zwischenruf-der-fachgruppe-pflege\">https:\/\/www.dgsf.org\/themen\/stellungnahmen-1\/zwischenruf-der-fachgruppe-pflege<\/a><\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:10px\">Bild\/Quelle: Alex Boyd\/Unsplash<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir freuen uns sehr dar\u00fcber, dem Zwischenruf der hochgesch\u00e4tzten Kolleginnen Andrea Rose, Susanne Kiepke-Ziemes und Renate Zwicker-Pelzer auch hier Geh\u00f6r verschaffen zu d\u00fcrfen. 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