{"id":722,"date":"2020-09-01T06:43:00","date_gmt":"2020-09-01T04:43:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.care-lichtblicke.de\/?p=722"},"modified":"2020-08-25T12:04:34","modified_gmt":"2020-08-25T10:04:34","slug":"management-in-corona-zeiten-lichtblicke-der-organisationen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.care-lichtblicke.de\/index.php\/2020\/09\/01\/management-in-corona-zeiten-lichtblicke-der-organisationen\/","title":{"rendered":"Management in Corona-Zeiten \u2013 Lichtblicke der Organisationen"},"content":{"rendered":"\n<p>Bahnh\u00f6fe, Wochenm\u00e4rkte, vielleicht Sportstadien, sicherlich aber Altenheime, Krankenh\u00e4user und weitere Pflegeorganisationen sind Spiegelbilder und Seismographen gesellschaftlicher Entwicklungen. Regelm\u00e4\u00dfig Pflegeeinrichtungen besuchen zu d\u00fcrfen, ist aus vielen Gr\u00fcnden ein wahres Gl\u00fcck und Privileg. Wie schon vor der Pandemie w\u00fcnscht man sich, es w\u00fcrden mehr Menschen diesen Teil der gesellschaftlichen Realit\u00e4t gelegentlich miterleben. Nachfolgend werden Beobachtungen von einzelnen Leitungskr\u00e4ften reflektiert, deren Handlungen sich seit dem Ausbruch der Pandemie als wirksame Lichtblicke der teilnehmenden Organisationen im Projekt `Versorgungsbr\u00fccken statt Versorgungsl\u00fccken\u00b4 erkennen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben dem Beifallklatschen von den H\u00e4userbalkonen f\u00fcr Pflegekr\u00e4fte, begleiten seit Beginn der Pandemie auch besorgende Schlagzeilen der Berichtserstattung die Sorgearbeit der station\u00e4ren Palliativ- und Altenhilfeeinrichtungen. Die Menschen sind einsamer gestorben (ARD Tagesthemen 20.05.2020), ganzheitliche palliative Sorgearbeit befindet sich in einer Krise (ZDF Panorama 06.05.2020) und die benannten Herausforderungen, kombiniert mit fehlenden Verabschiedungen und kommunikativen-, religi\u00f6sen- sowie kulturellen Ritualen in der Sterbebegleitung stellen eine ungeheure Belastung und Verzweiflung f\u00fcr alle Beteiligten dar (Focus Online 30.04.2020; 04.05.2020). Ohne auf eine entsprechend valide Empirie f\u00fcr einen Gesamtvergleich und Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeiten dieser Erfahrungsberichte blicken zu k\u00f6nnen, scheinen insgesamt die Krisenreaktionen und ihre Auswirkungen zumindest so heterogen auszufallen, wie sich die Pflegelandschaft auch bereits zuvor darstellte. Neben derartigen Negativmeldungen zeigen sich vielerorts ebenfalls eindrucksvolle Lichtblicke. Eben durch kluge und mutige Managementhandlungen sowie hochmotivierte Mitarbeitende, mit teils \u00e4u\u00dferst engagierten und kreativen Ans\u00e4tzen der jeweiligen Probleml\u00f6sungen (bspw. Zeltst\u00e4dten-\u00e4hnliche Gartenh\u00fctten f\u00fcr Besuchskontakte, oder einer sicheren Sicherstellung von sozialen Kontakten in Sterbebegleitungen w\u00e4hrend des Lockdowns u.v.m.). &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Covid-19-Virus traf jene (Pflege)Landschaft in mehrfacher Hinsicht vollkommen unvorbereitet. Sowohl in zeitlicher Dimension, wo es sich rasend schnell \u00fcber den gesamten Erdball der Weltgesellschaft zog, wie auch in sozialer Dimension. Es f\u00fchrte zu bis dahin nicht f\u00fcr m\u00f6glich gehaltenen Szenarien, wie die Ausgangssperren oder die Triage in Krankenh\u00e4usern in Italien, Spanien, Gro\u00dfbritannien und den USA. Und obwohl nur ca. 1% der deutschen Bev\u00f6lkerung in Pflegeheimen lebt, sind sie in Bezug auf Covid-19 Verstorbene schnell zu zentralen Orten geworden. Die Sterblichkeit unter Pflegebed\u00fcrftigen ist mehr als f\u00fcnfzigmal so hoch wie im Rest der Bev\u00f6lkerung (Rothgang. 2020). Ebenso in sachlicher Dimension, des geringen bis kaum vorhandenen Wissens \u00fcber Infektionswege und pharmakologische Schutzm\u00f6glichkeiten, trifft das Virus auf Stellen, f\u00fcr die es bisher noch keine Landkarten gab. Auch weiterhin l\u00e4sst sich das Wissen \u00fcber die Verbreitung und die \u00dcbertragung des Virus, seine Wirkung auf den individuellen K\u00f6rper und die Effektivit\u00e4t der nicht-pharmakologischen Interventionen (NPI), wie das Herunterfahren des wirtschaftlichen und sozialen Lebens und Abstandsregeln, derzeit aus den vorliegenden Daten und den daraus kontextabh\u00e4ngig generierten Informationen nur sehr begrenzt beschreiben. Es ist nicht auszuschlie\u00dfen, dass die NPIs auf l\u00e4ngere Zeit das einzige sind, was getan werden kann (EbM-Netzwerk 2020, S.6).<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn es in der ersten Phase der Covid 19-Pandemie um die Abwendung von akuter Gefahr, also Verhinderung des Schlimmstm\u00f6glichen und ad\u00e4quater Schadensminimierung ging und bis auf Weiteres das Handling des Risikos im Vordergrund steht (wenn auch nicht ausschlie\u00dflich), dann verdr\u00e4ngen, bzw. \u00dcberschreiben, Pr\u00e4vention und Pr\u00e4emption gro\u00dfe Teile der bisherigen Leitorientierungen. Es geht also um ein Handeln, dass das Aufkommen m\u00f6glicher (weiterer) Gefahren bereits im Keim erstickt, hier u.a. die Abstandsgebote, die Anpassung und Implementierung spezialisierter Hygienekonzepte und Verfahrensanweisungen, das Einhalten der Maskenpflicht sowie unmittelbare Nachvollziehbarmachung von Infektionsketten usw. So berichtet bspw. eine Leitungskraft wie erleichtert Sie sei, dass die antizipierten Worst-Case Strategien (bisher) nicht h\u00e4tten vollzogen werden m\u00fcssen. Konkret habe man theoretische Szenarien durchgespielt, in denen Teile der Leitungskr\u00e4fte und Mitarbeitende vor\u00fcbergehend mit in die (isolierte) Einrichtung einziehen w\u00fcrden, damit ein Mindestma\u00df an Pflege und Betreuung aufrechtgehalten werden k\u00f6nne. Ein bis vor kurzen unvorstellbarer Gedanke. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Eine andere Leitungskraft berichtet \u00fcber die absolute Priorit\u00e4t, Ruhe bei allen (teilweise t\u00e4glich angepassten) Entscheidungen und Anweisungen in der Organisation weiterzugeben. Obwohl man sich in einer hochgradig unsicheren Situation befinde, &#8220;f\u00fcr die es in mehr als 30-Dienstjahren keinen Vergleich gibt&#8221;. Angstrhetorik oder gar Strafe bei Fehlverhalten werde man konstant vermeiden, damit die Mitarbeitenden weiterhin sicher und m\u00f6glichst frei arbeiten k\u00f6nnen. F\u00fcr die professionellen Sorgebeziehungen versch\u00e4rft sich das Prinzip der Achtung einer autonomen Person (die durch Krankheit in ihrer Autarkie eingeschr\u00e4nkt ist) in ihrer Individualit\u00e4t und Selbstbestimmung, welches bei der Anwendung von Zwang die Gefahr der Missachtung hilfebed\u00fcrftiger Personen mitbedenken muss. Aber auch eine Unterlassung der Anwendung von Zwang geht potentiell mit der Gefahr einer (nicht nur moralischen) Verletzung der hilfebed\u00fcrftigen Person einher. In Konsequenz bleibt ein dauerhaftes Abw\u00e4gen und Pendeln, zwischen der Aufrechterhaltung organisationalen (Alltags-)Routinen und der Wahrung der Vorschriften f\u00fcr einen (erh\u00f6hten) k\u00f6rperlichen Schutz der Bewohner*innen. Man denke etwa an den Umgang mit den nochmals gestiegenen psychosozialen und spirituellen Bed\u00fcrfnissen der Bewohner*innen und Zugeh\u00f6rigen. Das ganzheitliche Sch\u00fctzen und Umsorgen, der \u00e4u\u00dferst vulnerablen Gruppe von Menschen in station\u00e4rer Langzeitpflegeeinrichtungen, in Corona-Zeiten ist eine immense organisationale Herausforderung.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Situation birgt f\u00fcr Leitungskr\u00e4fte eine Paradoxie in sich: W\u00e4hrend Management auf Zukunftssicherung durch Planung gerichtet ist und auf eine gewisse Konsistenz aus Verl\u00e4sslichkeit setzen muss, bedeutet Risiko immer das Eingehen von Wagnissen und das Einlassen auf nicht planbare Ungewissheiten (Borutta. 2007). Dies geschieht &nbsp;auf doppelter Operationsebene: Auf Ebene des sozialen Systems (Organisation, Strukturen, Prozesse und vor allem: inoffizielle bzw. latente Spielregeln) m\u00fcssen manche bew\u00e4hrten Routinen behutsam angepasst und ver\u00e4ndert werden, ohne gleich dauerhaftes Erschrecken oder Unbehagen zu erzeugen. Weiter muss auf Ebene der psychischen Systeme (Mitarbeitende, Bewohner*innen) f\u00fcr eine beruhigende Grundstabilit\u00e4t gesorgt sein. Demnach gilt es immer auch die andere Seite der Unterscheidung, hier die Seite des nicht- Wissens in die Managementhandlungen als (Risiko)Beobachtungen 2. Ordnung wieder mit einzuf\u00fchren. Die nochmals gesteigerte Paradoxie liegt mitunter darin, dass der Versuch, angemessen auf Risiken zu reagieren, selbst wieder riskant sein kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Es l\u00e4sst sich ein gleicherma\u00dfen paradoxer Schluss ziehen: Bei guter Managementpraxis \u2013 besonders zu Corona Zeiten \u2013 kommt es nicht so sehr auf die F\u00e4higkeit an, die Gefahr einer Katastrophe zu managen (wobei die Wertigkeit dieser T\u00e4tigkeit nicht in Abrede gestellt werden soll), sondern viel mehr, um eine achtsame Beobachtung und Pflege der arbeitsteiligen-arbeitst\u00e4glichen gelebten risikoethischen Praxis, in ihrer kommunikativen Sozialqualit\u00e4t. Dieses in der strukturellen und personalen Intelligenz, man k\u00f6nnte sagen der virtuellen Intelligenz (Baecker. 2019. S. 73), aufrechtzuhalten bedeutet: 1) Fehlerquellen nicht abzustrafen, sondern als Erwartungsfallen lernend aufzunehmen, 2) vereinfachende und personifizierende Interpretationen zu meiden, 3) Respekt und W\u00fcrde vor dem (fachlichen) Wissen und K\u00f6nnen aller Beteiligten in der Organisation sowie 4) ein ebenso respekt- wie hoffnungsvoller Umgang mit dem nicht- Wissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es scheint die Zeit zu sein, in der sich gute Leitungskr\u00e4fte in ihren postheroischen Qualit\u00e4ten aufzeigen. Als Kernelemente organisationaler Intelligenz und Lernf\u00e4higkeit, nicht als heroische (pseudo) Schiffslenkung. Fu\u00dfballvereine wie politische Parteien d\u00fcrfen gleicherma\u00dfen zuh\u00f6ren&#8230; <\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:11px\">Bild \/ Quelle: <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/@federize\">Federico Beccari<\/a> \/ unsplash <\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:11px\">Literaturverzeichnis<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:10px\"><strong>Baecker, D. (2019)<\/strong>: Intelligenz. k\u00fcnstlich und komplex. Leipzig.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:10px\"><strong>Borutta, M. (2007)<\/strong>: Grundlagen. In: Borutta et al.: Risikomanagement. F\u00fchrungsstrategien f\u00fcr pflegerische Kernbereiche. Hannover. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:10px\"><strong>Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin (2020)<\/strong>: Stellungnahme des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin (EbM-Netzwerk), Fassung von 15.04.2020<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:10px\"><strong>Rothgang, H. (2020)<\/strong>: Zur Situation der Langzeitpflege in Deutschland w\u00e4hrend der Corona-Pandemie.&nbsp; Verf\u00fcgbar: <a href=\"https:\/\/www.uni-bremen.de\/fb11\/corona-update-fb11\/zur-situation-der-langzeitpflege-in-deutschland-waehrend-der-corona-pandemie\">https:\/\/www.uni-bremen.de\/fb11\/corona-update-fb11\/zur-situation-der-langzeitpflege-in-deutschland-waehrend-der-corona-pandemie<\/a> (letzter Zugriff: 11.07.2020)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bahnh\u00f6fe, Wochenm\u00e4rkte, vielleicht Sportstadien, sicherlich aber Altenheime, Krankenh\u00e4user und weitere Pflegeorganisationen sind Spiegelbilder und Seismographen gesellschaftlicher Entwicklungen. Regelm\u00e4\u00dfig Pflegeeinrichtungen besuchen zu d\u00fcrfen, ist aus vielen Gr\u00fcnden ein wahres Gl\u00fcck und Privileg. 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