{"id":704,"date":"2020-08-17T15:39:51","date_gmt":"2020-08-17T13:39:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.care-lichtblicke.de\/?p=704"},"modified":"2020-08-18T21:11:39","modified_gmt":"2020-08-18T19:11:39","slug":"eine-palliativgesellschaft-wie-saehe-die-aus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.care-lichtblicke.de\/index.php\/2020\/08\/17\/eine-palliativgesellschaft-wie-saehe-die-aus\/","title":{"rendered":"Eine Palliativgesellschaft \u2013 wie s\u00e4he die aus?"},"content":{"rendered":"\n<p>Byung-Chul Han ist ohne Zweifel ein brillanter, ja ein aufregender, Denker. Bekr\u00e4ftigend verziert werden seine B\u00fccher mittlerweile durch entsprechende Werbe-Aufkleber des Verlags, dass er auch `der meistgelesene deutsche Zeitkritiker\u00b4 ist. Pr\u00e4dikat kaufenswert. Seine neueste Gedankenbewegung widmet sich der <em>Palliativgesellschaft<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die kurzen und scharfsinnigen Essays gaben in der Vergangenheit, in geschickten Beobachtungsperspektiven, immer wieder (gef\u00fchlte) passende \u00dcbertragungen auf das gro\u00dfe Ganze. Daf\u00fcr wird er seither in der Fach\u00f6ffentlichkeit kritisiert. Es fehlt, der (zu) sehr an Hegel erinnernden Sicht auf das <em>eine <\/em>Ganze, die theoretische Passung (Nassehi. 2018). Zu Recht muss verzeichnet werden, dass Hans Arbeiten nicht der Gleichzeitigkeit von Unterschiedlichkeiten, welche eine konsistente Gesellschaftsbeschreibung f\u00fcr moderne, komplexe Gesellschaften jedoch aufbringen muss, standhalten k\u00f6nnen (Nassehi. 2010). Ebenso irritiert ein zu starker Fokus auf die unmittelbare subjektive Wahrnehmung und Empfindung. <em>Das<\/em> Gef\u00fchl <em>des<\/em> Zeitgeists missf\u00e4llt. Han wie seinen Kritiken gleicherma\u00dfen, m\u00f6chte man sagen\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Jene, durchaus berechtigten, Kritikpunkte \u00e4ndern nichts an den vielen, treffenden und erhellenden Momenten seiner Essays. Auch wenn man dem Projekt einer Gesamtvernunft moderner Gesellschaften entschieden entgegenstehen mag, finden sich in Hans Arbeiten dennoch wesentliche Anschluss- und Reibungspunkte. Beispielsweise mahnte der <em>Schwarm<\/em> bereits fr\u00fch vor den Gefahren und Risiken in Form der Shitstorm-Schatten, eines euphorischen und wenig reflektierten Anst\u00fcrmens auf (bzw. in), die sozialen Netzwerke. Seine <em>M\u00fcdigkeitsgesellschaft<\/em> malte schonungslose Vergleichsbilder, der steigenden und freiwilligen Selbstausbeutung moderner Individuen, in verzerrten Freiheitsbildern eines ausufernden Neoliberalismus. Die <em>Psychopolitik<\/em> und <em>Austreibung des Anderen<\/em> schlie\u00dflich formt eine dialektische Aufhebung, der eben prim\u00e4r funktionalen- und weniger qualitativen sozialen Netzwerke sowie ihre geschickte Verwendung und potentiellen, diabolischen Manipulation in der sp\u00e4tmodernen Mikrophysik der Macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter Vorzeichen dieser vorweggenommenen Ehrungen und kritischen Rahmungen muss sicherlich auch die \u201ePalliativgesellschaft\u201c gelesen werden. Dennoch vermag, aus Sicht palliativer Sorgekontexte heraus, Hans neues Werk ad hoc durchaus ver\u00e4rgern, weil die aufgef\u00fchrten Analogien unpassend bis befremdend wirken. Dem Untertitel \u201eSchmerz heute\u201c folgend, wird auf den ersten Seiten eine palliative Gesellschaft als eine Gesellschaft auf `Gl\u00fccksmission unter Algophobie\u00b4 beschrieben. Einer generalisierten Angst vor Schmerz also, die in einer Daueran\u00e4sthesierung Beantwortung finde. Schmerz werde als Zeichen von Schw\u00e4che gedeutet, den es wegzuoptimieren gelte, in der ersten Generation, die ein Leben ohne Schmerz als ihr selbstverst\u00e4ndliches Recht sehe. Was darauf folgt ist eine \u00e4sthetische Diskussion, die sich an Werken und Performance der zeitgen\u00f6ssischen Kunst abarbeitet und \u00fcber Hans bekannte Passagen der Gewaltmechanismen eines modernen Positivismuszwangs zur Reflexion auf die Corona-Pandemie ansetzt, wo das Virus zum Spiegel der Gesellschaft mutiert. In einer Verabsolutierung des \u00dcberlebens werde das gute Leben geopfert.<em> Das Virus dringt in die palliative Wohlf\u00fchlzone ein und verwandelt sie in eine Quarant\u00e4ne, in der das Leben ganz zum \u00dcberleben erstarrt<\/em> (Han. 2020. S. 23).<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, aus Praxis, Haltung und Theorie palliativer Sorgearbeit heraus kann man sich mit diesen S\u00e4tzen nicht zufriedengeben, sondern m\u00f6chte entschieden widersprechen. M\u00f6gen die aufgestellten Bilder durchaus geistreiche Metaphern f\u00fcr manche Gesellschaftsgegenwarten darstellen &#8211; nichts von den Errungenschaften im Verst\u00e4ndnis der Hospizbewegung oder des Total Pain Konzepts \u00e4u\u00dfern sich hier (und damit sind beispielhaft nur zwei nennenswerte Aspekte genannt). Schmerz als komplexes Geschehen auf affektiver, vegetativer, motorischer, hormoneller, sozialer und spiritueller Ebene, in einer ummantelnden palliativen Sorgearbeit ist nichts, was es qua Wegoptimierung oder Daueran\u00e4sthesierung technokratisch zu beherrschen gilt. Zum Gl\u00fcck, dies sei hier angemerkt, bleibt Hans Hermeneutik des Schmerzes nicht an dieser Stelle stehen. Bekannterma\u00dfen ist ihm eine Ethik des Zuh\u00f6rens und die Forderung des Handelns im Ethos des Eros nicht fremd. Im Gegenteil soll auch die Palliativgesellschaft eine kritische Forderung danach sein, u.a. mit Bezug auf dem beredeten Schmerz der christlichen Mystikerin Teresa von Avila. Dennoch zeigt sich bisweilen immer wieder die tiefe Stichhaltigkeit in der oben geschilderten Kritik, einer zu starken Strapaze der Metaphorik auf das <em>eine<\/em> Ganze. F\u00fcr die Bereiche der palliativen Sorgearbeit bildet die Argumentation nahezu eine Form der Instrumentalisierung und Verdinglichung. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Was w\u00e4ren stattdessen zentrale Aspekte einer Palliativgesellschaft?<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst wohl eher eine Bejahung des Lebens, auf Kosten des \u00dcberlebens. Eine Palliativgesellschaft w\u00e4re ein Nachkommen der Forderung nach einer notwendigen Relationalit\u00e4t im Sinne der (sozialpolitischen) Care-Ethik, mit ihrer Basisoperation aus dem Wecken von Anteilnahme, Betroffenheit und Verantwortlichkeit (auch \u00fcber die Sorgeeinrichtungen hinaus) (Schuchter. 2019). Nicht also technokratische (Weg)optimierung, sondern ein Hineindenken und Aushalten in der konkreten Situation und mit besonderer Hervorhebung der Beziehungen und Geschichten, in die menschliches Leben und Leiden fundamental und sinngebend verstrickt sind. Eine Palliativgesellschaft w\u00e4re eine bewusstes, resilientes Verhalten in der Begegnung mit Inkommensurabilit\u00e4t und begrenzter Kontrollierbarkeit. Sie w\u00e4re keine somnambule Daueran\u00e4sthesierung, sondern eine konstante, achtsame Suchbewegung, die die Bed\u00fcrfnisse aller Mitglieder zu kennen und w\u00fcrdevoll zu achten versucht. Eine Palliativgesellschaft, das w\u00e4re beherzte Mitmenschlichkeit, N\u00e4chstenliebe und Gastfreundschaft, gerade dann wenn es schmerzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Hans inhaltliche F\u00fcllung der Begrifflichkeit einer Palliativgesellschaft kann aus Sicht palliativer Sorgekontexten nur widersprochen werden. Was sich in ihr allerdings u.a. als wichtige Lehre entfaltet, ist eine langsam sichtbare Gefahr, zuk\u00fcnftig m\u00f6glicher Relevanzverschiebungen in der Umwelt und (aus dieser Perspektive) R\u00fcckschritte, bspw. in einer verk\u00fcrzten Materialisierung, Technokratisierung und falschen \u00dcberschreibungen der Sorge\/Care- Segmente der Gesellschaft, f\u00fcr die kommenden Phasen der `Mit-Corna-Welt\u00b4. Dem gilt es wachsam entgegenzuwirken.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:10px\">Bild \/ Quelle: Natalia Y @foxfox \/ https:\/\/unsplash.com\/photos\/ja7EgogVfIA<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:11px\">Literaturverzeichnis<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:11px\"><strong>Han, Byung-Chul (2020)<\/strong>: Palliativgesellschaft. Schmerz heute. Erste Auflage (Fr\u00f6hliche Wissenschaft).<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:11px\"><strong>Nassehi, Armin (2010)<\/strong>: Geschlossenheit und Offenheit. Orig.-Ausg., 1. Aufl., [Nachdr.]. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, 1636).<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:11px\"><strong>Nassehi, Armin (2018)<\/strong>: Die letzte Stunde der Wahrheit. Kritik der komplexit\u00e4tsvergessenen Vernunft. 2. Auflage. Hamburg: Sven Murmann Verlagsgesellschaft mbH (kursbuch.edition).<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:11px\"><strong>Schuchter, Patrick (2019)<\/strong>: Care-Ethik. Orientierungen f\u00fcr die kommunikative Alltagspraxis in Begleitung, beratung und f\u00fcr Organisationen. In: Monika M\u00fcller und Lukas Radbruch (Hg.): Trauerpolitik. Verluste gestalten. G\u00f6ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht (Leidfaden, 8. Jahrgang, 3, 2019), S. 53\u201357.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Byung-Chul Han ist ohne Zweifel ein brillanter, ja ein aufregender, Denker. 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