{"id":52,"date":"2020-04-07T10:05:00","date_gmt":"2020-04-07T08:05:00","guid":{"rendered":"https:\/\/care-lichtblicke.s-inn.net\/?p=52"},"modified":"2020-09-09T17:23:47","modified_gmt":"2020-09-09T15:23:47","slug":"wir-sind-worum-wir-uns-sorgen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.care-lichtblicke.de\/index.php\/2020\/04\/07\/wir-sind-worum-wir-uns-sorgen\/","title":{"rendered":"Wir sind, worum wir uns sorgen!"},"content":{"rendered":"\n<p>Wir handeln nicht, wie wir denken. Wir denken, wie wir handeln, bzw. anhand dessen, was sich praktisch bew\u00e4hrt. Bis zu dem Punkt, wo es sich eben nicht mehr bew\u00e4hrt. Pierre Bourdieu beschrieb jene tr\u00fcgerische Lebensgewissheit eines, dem Denken nach orientierten menschlichen Handeln, als scholastischen Epistemozentrismus (Bourdieu 2001, S. 68). F\u00fcr manche mag die Beachtung der Care\/Sorgearbeit erst in den Fokus des Denkens und Handels gelangen, wo die Ordnung der Welt in k\u00fcrzester Zeit komplett au\u00dfer sich und ihren Fugen geraten ist. Die Pandemie lehrt die modernen, hochtechnologisierten und individualisierten Gesellschaften weltweit, welche Weisheit und Tugend der Erfahrung aus Care\/Sorgearbeit innewohnt. Wir Menschen sind allesamt durch ein unsichtbares Band, unserem bedingt autonomen, biopsychosozial- und spirituellen Menschsein, verbunden. Weder reguliert eine unsichtbare Hand des Marktes, die dar\u00fcber hinaus l\u00e4ngst an Arthrose erkrankte, die Geschehnisse, noch k\u00f6nnen Grenzen uns vor einem vermeintlich b\u00f6sartigen Fremden besch\u00fctzen. Es geht um uns selbst. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Den Sorgesegmenten der Gesellschaft\nsollten wir vielmehr als anthropologisches und moralisches Lernfeld begegnen, in\nwelchem die Begegnung im Menschsein, als Inkommensurabilit\u00e4t und einer nicht\neinzig in instrumenteller Logik fassbaren Form, immanent enthalten ist. Genauer,\neiner Erfahrung der Endlichkeit, der Verletzlichkeit, der Fragilit\u00e4t, wie es\nzurzeit das Coronavirus offenbart und eine vermeintliche Andersartig von\nMenschen unter Menschen erodiert. Die Sorgephilosophin und\nPolitikwissenschaftlerin Joan Tronto zeigt uns auf, dass das was wir denken, vielmehr\nResultat unserer (Sorge)Handlungen ist. Nach Tronto sch\u00e4rft Care\/Sorge als\nLernprozess unsere Achtsamkeit darauf, wie wir \u00fcber Verantwortung, unser\nHandeln, unseren Umgang mit der Umwelt und \u00fcber unsere Priorit\u00e4ten im Leben\ndenken. Eine gut funktionierende, ideale Demokratie w\u00e4re demnach voll mit\nMenschen, die sich umsorgen. Aufmerksam, verantwortlich, kompetent und\nr\u00fccksichtsvoll (Tronto 2015, S. 8).<\/p>\n\n\n\n<p>Aktuell zeigt sich, wie ein wechselseitiges F\u00fcreinander der Sorgearbeit das Zentrum einer lebenswerten Welt bildet und \u201esystemrelevant\u201c den Laden am Laufen h\u00e4lt. Sicherlich muss an anderer Stelle noch konkreter gekl\u00e4rt werden, welche Modellvarianten und Strategien sich hierf\u00fcr, im Dilemma zwischen Leben retten einerseits sowie der Abw\u00e4gung sozialer, kultureller und \u00f6konomischer Langzeitfolgen und gesellschaftlicher Handlungsf\u00e4higkeit andererseits, f\u00fcr alle bew\u00e4hren (Stichwort: \u201ecocooning\u201c). Bisher wurde jedoch die Grundvoraussetzung gesellschaftlicher Handlungsf\u00e4higkeit leider als Selbstverst\u00e4ndlichkeit und in skandal\u00f6s unterbezahlten Berufsgruppen, die allesamt eine Verl\u00e4ngerung des weiblichen Haushaltes bilden, gedacht (Winker 2015). Die Gender Care Gap markiert eine bisweilen, kaum mehr \u00fcber eine gesamte Berufsbiografie, geschweige denn in einer Vollzeitanstellung aushaltbare, Schieflage und Zumutung f\u00fcr alle Sorgearbeiten. Nun wird sie zur Schieflage der gesamten Gesellschaft. Das Problem der globalisierten und s\u00e4kularisierten Welt ist, was \u00fcbrigbleibt, wenn alles verschwunden ist (Baudrillard 2012, S. 16). <\/p>\n\n\n\n<p>Ein moralischer Fortschritt nach dieser globalisierten Krise heraus, die zurzeit die Alten und Schwachen hinrichtet, w\u00e4hrend sich Berufskonsument_innen narzistisch in ihrer Freiheit beraubt sehen, k\u00f6nnte es sein, diese l\u00e4ngst bekannten Schieflagen, in den nun gemeinsam sp\u00fcrbaren Erfahrungen aufzudecken und abzuschaffen, sodass es nicht mehr Sache des Einzelnen sein kann, selber eine L\u00f6sung f\u00fcr Probleme suchen zu m\u00fcssen, die er nicht verursacht hat (Bauman 2017, S. 98). Eine gut bezahlte, stabile Sorge in Form einer professionell organisierten <em>Caring Community<\/em> w\u00e4re sicherlich ein Kernelement f\u00fcr brauchbare, langfristige Strategien. Ich hoffe, dass politisch und gesellschaftlich in der kommenden Zeit einge\u00fcbt wird, wie wir die schwierigen und komplexen, moralischen und \u00f6konomischen Entscheidungen vern\u00fcnftig und nachhaltig treffen k\u00f6nnen, um uns f\u00fcr die n\u00e4chste Pandemie, die nochmals gef\u00e4hrlichere Klimakrise, Prinzipien der Menschenrechte und sozialen Gerechtigkeit, Migrationsfragen usw. besser positionieren zu k\u00f6nnen. Allein der bisweilen kollektiv eingestandene und getragene Stillstand zeigt, 1) dass es m\u00f6glich ist und 2) es niemals nur eine einzige Handlungsoption gibt. Sonst g\u00e4be es keine Wahl und keine Verantwortung. Harry Frankfurt wendet es in \u201ethe importance of what we care about\u201c so, dass die Wichtigkeit, die unsere Sorge f\u00fcr uns schafft, die Standards und Zwecke bestimmt, an denen wir unser Lebens auszurichten versuchen (Frankfurt 2014, S. 29). Sagen wir dies nur, um uns gedanklich gut zu f\u00fchlen, entlarvt Frankfurt es schlicht als Bullshit (Frankfurt 2013, S. 70\u201371). <\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind, worum wir uns sorgen! <\/p>\n\n\n\n<p>\u2026alles andere ist Bullshit <\/p>\n\n\n\n<p>Literaturverzeichnis<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Baudrillard, Jean<\/strong> (2012): Warum ist nicht alles schon verschwunden? 2. Aufl. Berlin:   Matthes &amp; Seitz.<br><strong>Bauman, Zygmunt<\/strong> (2017): Das Vertraute unvertraut machen. Ein Gespr\u00e4ch mit Peter Haffner. 1. Auflage. Hamburg: Hoffmann und Campe.<br><strong>Bourdieu, Pierre<\/strong> (2001): Meditationen. Zur Kritik der scholastischen Vernunft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.<br><strong>Frankfurt, Harry G.<\/strong> (2013): Bullshit. 5 Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp.<br><strong>Frankfurt, Harry G. <\/strong>(2014): Gr\u00fcnde der Liebe. 1. Auflage. Berlin: Suhrkamp (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, 2111).<br><strong>Tronto, Joan C. (2015)<\/strong>: Who cares? How to reshape a democratic politics. Ithaca: Cornell Selects, an imprint of Cornell University Press.<br><strong>Winker, Gabriele (2015)<\/strong>: Care Revolution. Schritte in eine solidarische Gesellschaft. s.l.: transcript Verlag (X-Texte zu Kultur und Gesellschaft).<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:10px\">Bild\/Quelle: Mike Erskine \/ Unsplash<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir handeln nicht, wie wir denken. Wir denken, wie wir handeln, bzw. anhand dessen, was sich praktisch bew\u00e4hrt. Bis zu dem Punkt, wo es sich eben nicht mehr bew\u00e4hrt. 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