{"id":350,"date":"2020-05-08T05:00:00","date_gmt":"2020-05-08T03:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.care-lichtblicke.de\/?p=350"},"modified":"2020-12-03T15:31:11","modified_gmt":"2020-12-03T14:31:11","slug":"in-stuermischen-teils-stoischen-zeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.care-lichtblicke.de\/index.php\/2020\/05\/08\/in-stuermischen-teils-stoischen-zeiten\/","title":{"rendered":"In st\u00fcrmischen, teils stoischen Zeiten"},"content":{"rendered":"\n<p>Der im letzten Jahr verstorbene franz\u00f6sische Philosoph und Seefahrer Michel Serres hatte ein besonderes Verm\u00f6gen daf\u00fcr, sein komplexes Denken der vielschichtigen Gegenwartsanalysen in lebendige Metaphern einzukleiden. Nicht zuletzt sind die f\u00fcnf Elemente, denen er ein ganzes Buch widmete, ein seismographischer Bezugspunkt von Serres, worin immer wieder gedankliche Zeichnungen des Wassers und der hohen See hervorstechen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der heutigen eigenartig ruhigen wie gleicherma\u00dfen st\u00fcrmischen Zeit, inmitten einer gesellschaftlichen Pandemie und des daher notwendigen \u201eauf Sicht Fahrens\u201c, kommen mir Serres Orientierungshilfen immer wieder in den Sinn. Nicht nur aufgrund seines bedeutsamen Werks \u201eDer Parasit\u201c, sondern wom\u00f6glich auch aufgrund meines jetzt bereits einsetzenden Fernwehs und eines Bedauerns um den sich teilweise abrupt aufzeigenden nationalen Abschottungen und Grenzziehungen. Gemeint sind gedankliche Abschottungen und nicht die notwendigen R\u00fccksichtsma\u00dfnahmen zur F\u00f6rderung interindividueller Freiheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Serres beschrieb die globalisierte Expansion des Seins moderner Netzwerkgesellschaften kritisch wie optimistisch zugleich. Der Mann, der sich in f\u00fcnf B\u00fcchern intensiv anhand Hermes, dem antiken Schutzgott u.a. der Reisenden und \u00dcberf\u00fchrer der Seelen der Verstorbenen, mit Kommunikationsformen auseinandersetzte, war erfreut \u00fcber die M\u00f6glichkeiten moderner Telefonkonferenzen, mit welchen er sich bis in die letzten Zipfel der Erdkugel menschlich verbinden konnte. Jene Erde, zu der er die Menschen in seinem Naturvertrag allm\u00e4hlich wieder zu sprechen beginnen sah, anstatt blo\u00dfer Beherrschung und Inbesitznahme (vgl.: Serres 1994, S. 70). Noch mehr schien er davon \u00fcberzeugt, dass die Netze (wohlgemerkt: Netze als geschlossen-offene Orte des Halts, wie die der Seefahrenden, nicht blo\u00df Netzwerke) der n\u00e4chsten Epoche einen Erm\u00f6glichungssinn im noch leeren Raum freisetzen w\u00fcrden, wie seine Liebeserkl\u00e4rung an die vernetzte Generation verdeutlicht (Vgl.: Serres 2013, S.56ff.).<\/p>\n\n\n\n<p>Und diese Netze suchen wir momentan wie selbstverst\u00e4ndlich auf. Wie mutige Segler_innen oder Schwimmer_innen, die einen breiten Fluss oder eine Meerenge \u00fcberqueren, ohne deren genauen Wege zu kennen. Serres unterscheidet hierbei drei Phasen. Die erste Phase, wo wir noch das Ufer sehen, von welchem wir losgeschwommen sind sowie die letzte Phase, wo uns bereits sichtbar wird, worauf wir zustreben m\u00f6chten. Beide kennzeichnet die uns vertraute Sicherheit in einer Form der Beherrschung, wo wir uns noch am Herkunftsufer oder aber bereits am Ziel unserer Wunschvorstellungen befinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Entscheidend jedoch f\u00fcr Serres ist die Phase der Mitte, des Dazwischen eines mehr oder weniger langen Weges, dem ein gewisser pathetischer Augenblick innewohnt. Was Serres pathetisch nennt, verweist durchaus auch auf eine spirituelle Lesart, wie sie h\u00e4ufig in seinen Arbeiten als dauerhafte Zielwahl eines Worumwillens einstr\u00f6mt:<\/p>\n\n\n\n<p><em>In einem Zustand der Unruhe, des Schwebens, des labilen Gleichgewichts bemerkt er [der Schwimmende &#8211; Anm. J.M.] einen unerforschten Raum, der auf keiner Karte verzeichnet ist und den weder der Atlas noch ein Reisender jemals beschrieben hat. In seinem Wunsch nach einer \u00dcbersetzung muss er durch jenen flie\u00dfenden \u00dcbergang hindurch, den die Pr\u00e4position \u201ezwischen\u201c bezeichnet. Er folgt einer Achse oder st\u00fcrzt in eine merkw\u00fcrdige Schleuse hinein, um die herum die Unterschiede der Welt sich drehen. (\u2026) Ist es nicht so, dass wir genau diese transparenten, virtuellen \u00dcbergangsr\u00e4ume, die seit \u00e4ltesten Zeiten den Nomaden und Umherwandernden bekannt waren und so alt sind wie jeder Entdeckungsfahrt durchquerte W\u00fcste \u2013 dass wir genau diese R\u00e4ume mit unseren Netzen bev\u00f6lkern und darin leben, wenn wir mit Menschen am anderen Ende der Erde sprechen? (Serres 2005, S. 22\u201323)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich m\u00f6chte, auch in Bezug zum Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus, in diesen teils d\u00fcsteren, teils lichtvollen, teils st\u00fcrmischen, teils seltsam ruhigen Zeiten mich nicht dazu verleiten lassen, nun Serres Arbeiten derart zu strapazieren, sodass sie einer Kulturreflexion der aktuellen globalen Pandemie der Gesellschaft dienlich gezerrt werden. Nein, ich m\u00f6chte den Halt reflektieren, den bspw. Serres Werke im Versuch eines Verst\u00e4ndnisses des Weges zwischen bekannten Formen und gef\u00fchlt uferlosen Grenzerfahrungen geben k\u00f6nnen, der sich beim Betrachten des abendlichen Corona-News-Tickers und den sich schmerzlich einbrennenden Bildern bspw. aus New York, Norditalien oder Ostfrankreich, nicht ohne st\u00fcrmische Wellen herzugeben vermag.<\/p>\n\n\n\n<p>Paul Celans Lob der Ferne findet m\u00f6gliche verbale Rahmungen dieser Leere und Lehre, mit den wundervollen und hoffnungsvollen Worten eines Denkers aus \u00e4u\u00dferst d\u00fcsteren Zeiten. Der Einsamkeit eines umherschwirrenden, zur\u00fcckgewiesenen Ichs sowie der uferlosen Unverf\u00fcgbarkeit des Todes stellt Celan den einzigen Halt in der Begegnung mit dem Du, welches freundschaftlich, gleichzeitig die Individualit\u00e4t und Einzigartigkeit des expandierenden und doch stets gleichbleibenden Menschseins aufrechterh\u00e4lt, gegen\u00fcber (Celan 1999, S. 25):<\/p>\n\n\n\n<p><em>Im Quell deiner Augen<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>leben die Garne der Fischer der Irrsee.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Im Quell deiner Augen<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>h\u00e4lt das Meer sein Versprechen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Hier werf ich,<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>ein Herz, das geweilt unter Menschen,<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>die Kleider von mir und den Glanz eines Schwures:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Schw\u00e4rzer im Schwarz, bin ich nackter.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Abtr\u00fcnnig erst bin ich treu.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Ich bin Du, wenn ich ich bin.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Im Quell deiner Augen<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>treib ich und tr\u00e4ume von Raub.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Ein Garn fing ein Garn ein:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>wir schneiden umschlungen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Im Quell deiner Augen<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>erw\u00fcrgt ein Gehenkter den Strang.&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:10px\">Bild\/Quelle: Vicky Ng \/ Unsplash<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:14px\"><strong>Literaturverzeichnis<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:14px\"><strong>Celan, Paul (1999)<\/strong>: Die Hand voller Stunden. Gedichte. 4. Auflage. Hg. v. Michael Kr\u00fcger. M\u00fcnchen: Deutscher Taschenbuch Verlag (dtv, 12589).<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:14px\"><strong>Serres, Michel (2013)<\/strong>: Erfindet euch neu! Eine Liebeserkl\u00e4rung an die vernetzte Gesellschaft. Berlin. Suhrkamp. <\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:14px\"><strong>Serres, Michel (2005)<\/strong>: Atlas. Berlin: Merve-Verl. (Internationaler Merve Diskurs, 260).<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:14px\"><strong>Serres, Michel (1994)<\/strong>: Der Naturvertrag. Berlin. Suhrkamp. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der im letzten Jahr verstorbene franz\u00f6sische Philosoph und Seefahrer Michel Serres hatte ein besonderes Verm\u00f6gen daf\u00fcr, sein komplexes Denken der vielschichtigen Gegenwartsanalysen in lebendige Metaphern einzukleiden. 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