{"id":1774,"date":"2022-10-18T13:53:05","date_gmt":"2022-10-18T11:53:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.care-lichtblicke.de\/?p=1774"},"modified":"2022-10-18T13:53:06","modified_gmt":"2022-10-18T11:53:06","slug":"moral-distress-in-sozial-und-pflegeberufen-vortragsabend-des-tranferprojekts-versorungsbruecken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.care-lichtblicke.de\/index.php\/2022\/10\/18\/moral-distress-in-sozial-und-pflegeberufen-vortragsabend-des-tranferprojekts-versorungsbruecken\/","title":{"rendered":"Moral Distress in Sozial- und Pflegeberufen: Vortragsabend des Tranferprojekts \u201eVersorungsbr\u00fccken\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Transferinitiative des Pilotprojekts \u201eVersorgungsbr\u00fccken\u201c am Standort Aachen begleitete seit 2019 einen Austausch innerhalb und zwischen Organisationen aus unterschiedlichen Kontexten der palliativen Sorgearbeit. Der Vortrags- und Diskussionsabend in Aachen unterstrich die Wichtigkeit motivierter, erf\u00fcllter und gesunder Fachkr\u00e4fte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Transferinitiative des Pilotprojekts <a href=\"http:\/\/versorgungsbruecken.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u201eVersorgungsbr\u00fccken\u201c<\/a> am Standort Aachen ist eine Kooperation zwischen der katho am Standort Aachen und dem Caritasverband f\u00fcr das Bistum Aachen, unter der Leitung von Prof. Dr. Rainer Krockauer und Prof. Dr. Andreas Wittrahm. In ihren Aktivit\u00e4ten begleitete und moderierte die Transferinitiative seit 2019 einen Austausch innerhalb und zwischen Organisationen aus unterschiedlichen Kontexten der palliativen Sorgearbeit, insbesondere in der station\u00e4ren Altenhilfe. Es entwickelte sich ein gemeinsamer Austausch und Lernweg mit Blick auf nachhaltige und innovative Entwicklungsprozesse.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese wurden experimentell in den darin entstandenen \u201eCare-Laboren\u201c erprobt und beforscht sowie in unterschiedlichen Austauschformaten und Fachtagen im Transfer zwischen Hochschule und Praxis reflektiert. Mehr und mehr r\u00fcckten dabei die Bed\u00fcrfnisse und Ressourcen der professionell Sorgenden selbst als Voraussetzung in den Mittelpunkt. Dazu geh\u00f6ren \u00fcber die monet\u00e4re Wertsch\u00e4tzung hinaus auch ihre existenziell-spirituellen Fragen, Anliegen und Bed\u00fcrfnisse, die wiederum in starker Resonanz und Wechselwirkung mit der jeweiligen konkreten Organisationskultur vor Ort stehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen nachhaltigen Eindruck hat im Laufe des Projektes besonders die psychisch-seelische und physische Belastungssituation von Pflege- und Sozialberufen hinterlassen, die nicht erst in der Covid-19-Pandemie allgegenw\u00e4rtig und zum brennenden Thema wurde. Im wissenschaftlichen Diskurs wird diese Belastungssituation aufgrund einer vielfach \u00fcberfordernden Arbeitssituation unter dem Begriff \u201emoral distress\u201c auf den Punkt gebracht und umschreibt die innere Spannung zwischen dem, was zu tun ist, und dem, was der Einzelne eigentlich, das hei\u00dft \u201eim Grunde seines Herzens\u201c, tun will.<\/p>\n\n\n\n<h2>In den Vordergrund r\u00fccken, wof\u00fcr man lebt<\/h2>\n\n\n\n<p>Die einleitenden Worte der Abendveranstaltung von Prof. Dr. Rainer Krockauer zitierten die Reflexionen der franz\u00f6sische Rabbinerin Delphine Horvilleur \u00fcber ihre Erfahrungen aus der Trauerbegleitung und den Gespr\u00e4chen mit Angeh\u00f6rigen Verstorbener (Hanser 2022). Darin sei sie bem\u00fcht, das Leben nie von seinem Ende her zu erz\u00e4hlen, sondern anhand dessen, was man in ihm f\u00fcr \u201eunendlich\u201c gehalten hat. Dieser Perspektive folgend, er\u00f6ffnete Krockauer eine Deutung des Lebens, die auch inspirierend f\u00fcr die eigene Gestaltung sozialer Beziehungen sowie von Kooperationsformen in der Praxis sein k\u00f6nne. Es gelte, (sorgend) auf die Sorgenden sowie die Pflege- und Sozialberufe zu schauen und dabei insbesondere interessiert zu fragen, was sie brauchen, um motiviert, erf\u00fcllt und gesund arbeiten zu k\u00f6nnen. Wichtig werde dabei, aufdecken zu helfen, was im Leben einen unendlichen Wert hat, beispielsweise wof\u00fcr Menschen in ihrem Leben und Arbeiten \u201ebrennen\u201c, was sie in ihrem professionellen Handeln im Innersten antreibt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eOhne motivierte, erf\u00fcllte und gesunde Fachkr\u00e4fte geht \u00fcberhaupt nichts, da gibt es keine gute und nachhaltige Care-Arbeit. Das beinhaltet auch und besonders die Reflexion und das Bewusstsein f\u00fcr die eigene Spiritualit\u00e4t und die spirituellen Ressourcen der anderen. Und ein Schl\u00fcsselthema dieser Schl\u00fcsselpersonen f\u00fcr Spiritual und Palliative Care ist, so ist unsere zentrale Erkenntnis im Projekt, das radikale Ernstnehmen ihrer Ressourcen, Fragen und Bed\u00fcrfnisse \u2013 und damit verbunden auch die Erkenntnis, wie wichtig eine organisierte Sorge um die Sorgenden wird, zum Beispiel durch alternative Zeitplangestaltungen, passende Fort- und Weiterbildungsma\u00dfnahmen oder neue Personalstellen, die Begleitung erm\u00f6glichen\u201c, sagte Krockauer.<\/p>\n\n\n\n<h2>Moral Distress in Sozial- und Pflegeberufen<\/h2>\n\n\n\n<p>Den darauffolgenden Fachvortrag hielt der Sorgeforscher Prof. Dr. Eckhard Frick SJ von der Hochschule f\u00fcr Philosophie in M\u00fcnchen. Derzeit ist er zudem am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universit\u00e4t M\u00fcnchen als Professor f\u00fcr Spiritual Care und psychosomatische Gesundheit t\u00e4tig. Nach einer einf\u00fchrenden Begriffskl\u00e4rung und Skizzierung der bereits seit den 1980er Jahren bestehenden internationalen Forschungsbeitr\u00e4ge um Ph\u00e4nomene wie Moral Distress, Burnout und Resilienz in Bezug auf Sozial- und Gesundheitsberufe thematisierte Frick deren interprofessionellen Schnittstellen innerhalb und au\u00dferhalb von Sorgeorganisationen. Diese seien mit Blick auf die einzelnen Personen nur in ihren komplexen Verflechtungen mit den vielf\u00e4ltigen internen wie externen Einflussfaktoren zu verstehen. Es geht nicht nur um die im Sozial- und Gesundheitswesen unvermeidlichen Dilemmata. Vielmehr geht es um ein zu verhinderndes Leiden und um Zw\u00e4nge, die auftreten k\u00f6nnen, die die Liebe zum Beruf einschr\u00e4nken oder sogar verunm\u00f6glichen \u2013 ganz besonders unter den Vorzeichen der Pandemie. Auf der anderen Seite stehe eine Gewissheit dar\u00fcber, was eigentlich richtig sei, verdeutlichte Frick.<\/p>\n\n\n\n<h2>Resilienz nicht einseitig auf das Individuum zur\u00fcckweisen<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Besucher_innen des Abends wurden anschlie\u00dfend in der von Krockauer moderierten Podiumsdiskussion mit den Expert_innen des Podiums in einen lebhaften Austausch eingebunden. Das Podium vereinte unterschiedliche Professionen und Perspektiven aus der St\u00e4dteregion Aachen durch Stephanie E\u00dfer (Hospizdienst ACD), Winfried Winkler (Seniorenhaus im Haus H\u00f6rn), Veronika Sch\u00f6nhofer-Nellessen (Servicestelle Hospizarbeit), Fattaneh Afkhami und Prof. Dr. Andreas Wittrahm (beide Caritasverband f\u00fcr das Bistum Aachen) und Prof. Dr. Manfred Borutta (katho). Die Diskussion zeigte, wie die Fachkr\u00e4fte der Pflege- und Sozialberufe hohe Sinnressourcen aufweisen, die f\u00fcr ihre Resilienz und ihr Wohlbefinden sehr bedeutsam sind. Diese sind jedoch endlich im Vergleich zur dauerhaften \u00dcberbelastung in Kontexten der Care-Arbeit. Dem folgend sei es notwendig, eine kritisch-pr\u00fcfende Haltung gegen\u00fcber den jeweils propagierten Konzepten von \u201eResilienz\u201c einzunehmen, um die L\u00f6sungen dieser komplexen Dynamiken und einhergehend auch eventuelles Scheitern nicht einseitig bei den Mitarbeitenden zu suchen. Vielmehr k\u00f6nne Resilienz ein neuer Name f\u00fcr eine \u00dcberforderung und Ausbeutung werden, wenn daraus eine einseitig auf das Individuum verschoben Forderung werde.<\/p>\n\n\n\n<h2>Sorgeorganisationen n\u00f6tig, die die Belastungen ihrer Mitarbeitenden wahrnehmen<\/h2>\n\n\n\n<p>Das Podiumsgespr\u00e4ch endete mit einer res\u00fcmierenden Perspektive von Johannes Mertens, der im Projekt als Transferreferent die Mit-Konzipierung und Operationalisierung der beforschten \u201eCare-Labore\u201c verantwortete. Nicht zuletzt, weil quantitativ keine kurzfristige L\u00f6sung des Mangels an Fachkr\u00e4ften in Sicht sei, brauche es lernende Sorgeorganisationen, die die Belastungen und pers\u00f6nlichen Sinnsuchen ihrer Mitarbeitenden wahrnehmen, aufnehmen und sich danach mit Angeboten auszurichten wissen, so Mertens. Diese Form der Kommunikation und Kultur sei in den experimentellen Lern- und Erfahrungsr\u00e4umen der \u201eCare-Labore\u201c exemplarisch durch drei sich wechselseitig bedingende Elemente gelungen, meinte Mertens. Im Unterschied zu starren Top-Down-Modellen betonte er aus einer systemischen Perspektive die Werthaftigkeit von kollegialen F\u00fchrungsaufteilungen, die Anerkennung des Strebens nach Ganzheit der Personen und einen partizipativen Umgang mit dem evolution\u00e4ren Sinn der Organisationen zur gemeinsam gelebten Kultur. In einer foucaultschen Lesart der Selbstsorge blende dies notwendige politische Forderungen nicht aus, sondern erm\u00f6gliche erst die kollektive Anstrengung dessen.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\" id=\"c21225\"><p><strong>Im Projektzeitraum sind folgende themenrelevante Ver\u00f6ffentlichungen erschienen<\/strong>:<\/p><p><strong>R. Krockauer, Feeser-Lichterfeld, U.:<\/strong> Explorative Diakonie \u2013 ein Werkstattbericht, in: C. Koch; H. Hobelsberger; T. Droege (Hg.), Mehr als Leitbilder. Anspr\u00fcche an eine christliche Unternehmenskultur, Freiburg 2021, 143-156.<\/p><p><strong>R. Krockauer:<\/strong> Im Laboratorium der Kooperation von Pflege und Seelsorge, in: M. Sch\u00fc\u00dfler (Hrsg.), Seelsorge in caritativen Stiftungen, Stuttgart 2022, 107-119.<\/p><p><strong>J. Mertens:<\/strong><\/p><p>\u00a0Care-Labore als organisationale Heterotopien. Reflexionen \u00fcber Spiritualit\u00e4t und Transferlernen in Sorgeorganisationen, In: Zeitschrift Spiritual Care, De Gruyter, aop, 2022, Vorab online ver\u00f6ffentlicht 14.07.2022, <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/doi.org\/10.1515\/spircare-2022-0039\" target=\"_blank\">doi.org\/10.1515\/spircare-2022-0039<\/a>.<\/p><p><strong>J. Mertens:<\/strong> Forschend intervenieren &#8211; Genealogie einer Kulturintervention der intendierten St\u00f6rung 2. Ordnung in organisationalen Kontexten, In: Soziale Interventionsforschung, Kompetenzzentrum Soziale Interventionsforschung (KomSI), ISSN: 2749-7925, Frankfurt\/Main, 2022, Im Erscheinen.<\/p><p>2023 erscheint ein Buch von R. Krockauer herausgegebener Sammelband, u.a. mit Beitr\u00e4gen aus und \u00fcber das Projekt, unter dem Titel \u201eSpiritualit\u00e4t Raum geben\u201c.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Transferinitiative des Pilotprojekts \u201eVersorgungsbr\u00fccken\u201c am Standort Aachen begleitete seit 2019 einen Austausch innerhalb und zwischen Organisationen aus unterschiedlichen Kontexten der palliativen Sorgearbeit. Der Vortrags- und Diskussionsabend in Aachen unterstrich die Wichtigkeit motivierter, erf\u00fcllter und gesunder Fachkr\u00e4fte. 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