{"id":1583,"date":"2021-12-01T07:05:05","date_gmt":"2021-12-01T06:05:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.care-lichtblicke.de\/?p=1583"},"modified":"2021-12-01T07:06:00","modified_gmt":"2021-12-01T06:06:00","slug":"schritt-fuer-schritt-oder-was-wir-von-beppo-lernen-koennen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.care-lichtblicke.de\/index.php\/2021\/12\/01\/schritt-fuer-schritt-oder-was-wir-von-beppo-lernen-koennen\/","title":{"rendered":"Schritt f\u00fcr Schritt, oder: Was wir von Beppo lernen k\u00f6nnen"},"content":{"rendered":"\n<p>Aufgrund eines engen Kontakts mit einem nachweislich mit dem Coronavirus Infizierten mussten meine Familie und ich unter Einbezug der entsprechenden Inkubations- und Wartezeit bis zum Eintreffen der Testergebnisse k\u00fcrzlich eine komplette Woche in h\u00e4uslicher Quarant\u00e4ne verbringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter dem belastenden Eindruck dieser verpflichtenden Anweisung und nicht zuletzt in Ungewissheit bzgl. der potenziellen gesundheitlichen Gef\u00e4hrdung meines Kindes sowie der Dauer dieser Schutzma\u00dfnahme, fragte ich mich anfangs st\u00e4ndig: Wie sollen wir das schaffen? Wie jeden dieser Tage ohne Kontakt zu anderen Menschen und nur in den eigenen vier W\u00e4nden zubringen?<\/p>\n\n\n\n<p>Ungeachtet der Tatsache, dass dieser Aussage \u2013 insbesondere in Relation zur um so viel h\u00e4rteren, dramatischeren und bedrohlicheren Lebensrealit\u00e4t vieler anderer von den Auswirkungen der Pandemie oder anderen Schicksalsschl\u00e4gen (Mit-)Betroffener \u2013 ein gewisses Ma\u00df an Egoismus und Selbstmitleid nicht abgesprochen werden kann, hielt mich diese Frage zun\u00e4chst in Atem und auch des Nachts wach. Pl\u00f6tzlich erschien mir unsere Wohnung deutlich kleiner und enger als sonst; jeder der ersten Tage unserer Quarant\u00e4newoche lag morgens wie ein unendlich langer Weg vor mir, und immer wieder kamen Gedanken daran, f\u00fcr wie lange wir wohl in dieser Situation w\u00fcrden verharren m\u00fcssen, auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Dann fiel mir die Figur des Stra\u00dfenkehrers in Michael Endes Werk \u201eMomo\u201c ein: Beppo, der seiner Freundin sein Geheimnis, seine Lebensweisheit mitteilt:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eManchmal hat man eine sehr lange Stra\u00dfe vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man. (\u2026)<\/p>\n\n\n\n<p>Man darf nie an die ganze Stra\u00dfe auf einmal denken, verstehst du? Man muss immer nur an den n\u00e4chsten Schritt denken, an den n\u00e4chsten Atemzug, an den n\u00e4chsten Besenstrich. (\u2026) Auf einmal merkt man, dass man Schritt f\u00fcr Schritt die ganze Stra\u00dfe gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie (\u2026).\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Schritt f\u00fcr Schritt und bewusst (s)einen Weg zu gehen, im Sinne der Achtsamkeit mit dem eigenen Fokus m\u00f6glichst ganz im Hier und Jetzt zu sein und auch die Gewissheit, dass auch die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung sich irgendwie meistern l\u00e4sst, sind nur einige der Essenzen, die ich f\u00fcr mich aus diesen Ausf\u00fchrungen der Romanfigur ziehe.<\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal mag es nicht nur schwer, sondern schier aussichtslos scheinen, Probleme, Tiefpunkte, Niederlagen, Krisen, Verluste jemals bew\u00e4ltigen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber: Es ist m\u00f6glich! Nicht immer sofort, nicht immer allein, nicht immer unbeschadet. Aber: m\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ehemalige Mitarbeiterin eines Kinder- und Jugendhospizes habe ich immer wieder erleben d\u00fcrfen, dass viele Eltern nach dem Tod ihres Kindes zwar ein anderes als das vorige, aber dennoch ein erf\u00fclltes Leben f\u00fchren konnten. Auch das lehrt(e) mich, wie ungeahnt viel Kraft in uns Menschen angelegt sein muss, um selbst das Schlimmste \u00fcberstehen zu k\u00f6nnen, ohne daran zu zerbrechen; und auch hier erfuhr ich in Gespr\u00e4chen, dass es oft die unz\u00e4hlig vielen kleinen, mitunter unbedeutend erscheinenden Schritte mit dem Blick und Bewusstsein auf den aktuellen Moment waren, die in der Summe wirklich weiterbrachten, auch wenn bis dahin nicht selten \u00fcber weite Strecken vielleicht der subjektive Eindruck von Stillstand entstanden war, ganz so, als ginge es nicht schnell genug voran.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Sinne habe ich mir vorgenommen, wieder verst\u00e4rkt auf das jeweils n\u00e4chste St\u00fcck meines Weges anstatt auf dessen vermeintliches Ende zu schauen, mein Bewusstsein mehr auf das Heute als das Morgen und das Jetzt anstatt das Gleich zu lenken und dabei wahrzunehmen und wertzusch\u00e4tzen, wie reich ich doch an vielem bin, und sei es \u201enur\u201c, dass ich frei von vielen der belastenden Erfahrungen und Herausforderungen anderer bin.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eThe best way out is always through.\u201c (Robert Frost) &#8211; Wie weit mein Weg noch reichen und wohin er mich bringen wird, ist ungewiss. Wie ich ihn gehe, das bestimme ich.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:10px\">Bild\/Quelle: <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/photos\/MTy12z_48Tk\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/unsplash.com\/photos\/MTy12z_48Tk\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Weston MacKinnon<\/a> on <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Unsplash<\/a><\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:10px\">Literaturangabe: Michael Ende: Momo [zitiert nach Daniela-Ingrid Oberth\/Psychologische Praxis &amp; Lebensberatung in Rostock (<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.psychologische-praxis-rostock.de\/pages\/der-alte-strasenkehrer-beppo\/\" target=\"_blank\">http:\/\/www.psychologische-praxis-rostock.de\/pages\/der-alte-strasenkehrer-beppo\/<\/a>, zuletzt abgerufen am 1.12.2021)]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aufgrund eines engen Kontakts mit einem nachweislich mit dem Coronavirus Infizierten mussten meine Familie und ich unter Einbezug der entsprechenden Inkubations- und Wartezeit bis zum Eintreffen der Testergebnisse k\u00fcrzlich eine komplette Woche in h\u00e4uslicher Quarant\u00e4ne verbringen. 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