{"id":1037,"date":"2021-01-25T18:23:21","date_gmt":"2021-01-25T17:23:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.care-lichtblicke.de\/?p=1037"},"modified":"2021-01-26T11:12:40","modified_gmt":"2021-01-26T10:12:40","slug":"systemrelevanz-oder-solidaritaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.care-lichtblicke.de\/index.php\/2021\/01\/25\/systemrelevanz-oder-solidaritaet\/","title":{"rendered":"Systemrelevanz oder Solidarit\u00e4t?"},"content":{"rendered":"\n<p>Seit geraumer Zeit sehe ich mich in meinem sozialen Umfeld Menschen gegen\u00fcber, die mir ihre Meinungen zur Covid-19-Pandemie unbedingt mitteilen m\u00f6chten. Da ist zum Beispiel die P\u00e4dagogin, die Grundsch\u00fcler als Denunzianten von morgen bezeichnet, weil sie sich gegenseitig an die Maskenpflicht erinnern. Sie bef\u00fcrchtet eine Diktatur, wof\u00fcr es durch den Einsatz von Bundeswehrangeh\u00f6rigen in den Gesundheits\u00e4mtern ja bereits Hinweise g\u00e4be. Dann der Akademiker, der ein Video empfiehlt, in dem ein \u201erenommierter\u201c Mediziner die Pandemie mal eben mit einer normalen Grippe vergleicht. Die f\u00fcr die Kamera drapierten Buchdeckel seiner selbst verfassten B\u00fccher unterstreichen die Erhabenheit des Renommierten. \u201e<em>Man merkt die Absicht, und ist verstimmt.<\/em>\u201c (Goethe)<\/p>\n\n\n\n<p>Vor &nbsp;einigen Wochen ist der erste Mensch in meinem Umfeld an den Folgen einer Covid-19-Infektion verstorben. T\u00e4glich sterben derzeit mehr als 1.000 Menschen an oder mit dem SARS-CoV-2-Virus. Jeden Tag mehr Opfer als bei einem Flugzeugabsturz.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis vor einem Jahr wussten wir nicht allzu viel \u00fcber Pandemien. Dem Nichtwissen folgten schon bald erste Verschw\u00f6rungsmythen, die in die L\u00fccke, die das Wissen offenbarte, hineinstie\u00dfen. Hier von Theorien zu sprechen wertet diese mythischen Erz\u00e4hlungen zu Unrecht auf. Theorien helfen uns in einer komplexen Welt zu ordnen, zu begr\u00fcnden und vor allem zu verstehen. Und sie halten den Zweifel in uns wach. Mythen und Ideologien tun dies nicht. Sie suchen ausschlie\u00dflich nach Best\u00e4tigung der eigenen Sichtweisen. \u201e<em>Wir glauben nur was wir sehen. Leider sehen wir nur was wir glauben<\/em>\u201c sagte der Sozialwissenschaftler Peter Atteslander.<\/p>\n\n\n\n<p>Gesundheit ist ein stilles Grundrecht, dass wir stets als selbstverst\u00e4ndlich f\u00fcr uns betrachtet haben. Krank werden die Schwachen, Sterben tun die Alten. Wir haben uns daran gew\u00f6hnt, Krankheit zu vereinzeln und uns davon gleicherma\u00dfen zu distanzieren. Wer besucht schon gerne pflegebed\u00fcrftige Menschen, wenn es nicht gerade die eigenen Eltern oder Gro\u00dfeltern sind?<\/p>\n\n\n\n<p>Und jetzt dies: Krankheit und Tod betreffen nicht mehr nur die Einzelnen. Zunehmend kann es jede und jeden treffen. Dazu z\u00e4hlen auch vormals kerngesunde Menschen. Gesundheit ist nun nicht mehr selbstverst\u00e4ndlich, sondern wir alle m\u00fcssen gemeinsam etwas f\u00fcr dieses Grundrecht tun. Dieser Einsatz kostet uns etwas, nicht nur in finanzieller Hinsicht. Er verlangt von uns den Zusammenhalt aller, wirklich aller; damit wir halbwegs gesund durch diese Pandemie kommen und dabei die Pflegekr\u00e4fte und \u00c4rzte nicht weiter \u00fcberlastet werden. W\u00f6chentlich erkl\u00e4ren sich immer mehr Branchen und Berufsgruppen als systemrelevant und das Unverst\u00e4ndnis dar\u00fcber, was damit gemeint ist, w\u00e4chst von Tag zu Tag. Die Beanspruchung von Systemrelevanz \u2013 nicht zuletzt auch durch die Soziale Arbeit (vgl. u.a. Wagner 2020) \u2013 verweist auf Distinktionsbem\u00fchungen, wie sie bereits der Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter 1998 in der Analyse von Spaltungen innerhalb der sozialen Berufe, beschrieben hat. Diese Spaltungstendenzen gehen einher mit der \u201e\u2026 Sorge um den eigenen sozialen Status\u201c (Richter), aber nicht mit der Sorge um Menschen, die ihre Unterst\u00fctzung und Hilfe bed\u00fcrfen. Die Selbstzuschreibungsverrenkungen der Systemrelevanz, die per se auf Ungleichheit abhebt, sagen viel \u00fcber den Zustand einer Profession aus. In der Pandemie geht es jedoch nicht um Systemrelevanz. Es geht um Solidarit\u00e4t. Diese Solidarit\u00e4t verweist auf Verbundenheit trotz Ungleichheit. Und der Zustand der Solidarit\u00e4t sagt viel \u00fcber den Zustand einer Gesellschaft aus. Wir alle k\u00f6nnen uns aktuell dabei beobachten, ob und wie solidarisch wir miteinander sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Die P\u00e4dagogin fragte mich, ob ich denn schon Mal einen \u201eCorona-Toten\u201c gesehen h\u00e4tte. Ich bin Altenpfleger und habe mehr als zehn Jahre sterbenskranke Menschen auf ihrem letzten Weg begleitet. Also frage ich sie, ob sie denn schon Mal einen an Herzkreislaufversagen, an Krebs oder Lungenentz\u00fcndung verstorbenen Menschen gesehen habe. Nach ihrer Logik des egozentrischen Sehens darf es diese todbringenden Krankheiten auch nicht geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Mich macht das traurig und w\u00fctend zugleich. Ich wei\u00df um die Brutalit\u00e4t der t\u00e4glichen Konfrontation mit Covid-19-Patienten in den Kliniken und Altenheimen. Ich wei\u00df darum, wie meine ehemaligen Kolleginnen und Kollegen in der Pflege sich selbst und ihre Familien der Gefahr einer todbringenden Seuche aussetzen, um Leben zu retten. In einer Aachener Tageszeitung hatte die Intensivpflegerin, Pia Sliwinski Anfang Dezember 2020 \u00fcber ihre t\u00e4glichen Kampf gegen das Virus geschrieben. Und dar\u00fcber, wie sie mit ihren Kolleginnen und Kollegen in der Pflege um jedes einzelne Leben k\u00e4mpfen. Sie berichtet davon, wie h\u00f6hnisch es f\u00fcr sie und ihre Kolleginnen klingt, wenn Menschen, die noch nie auf einer Intensivstation gewesen sind, das Virus nicht ernst nehmen und wenn sie dann behaupten, sie w\u00fcssten besser Bescheid als die mehr als 1,7 Millionen Pflegekr\u00e4fte und die \u00fcber 400.000 Mediziner in unserem Land. Pia Sliwinski hat mir aus der &nbsp;Seele gesprochen. Und ich ziehe den Hut vor ihr und ihren Kolleginnen und Kollegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Bittere: Viele von ihnen werden die viel zitierte Coronapr\u00e4mie nicht erhalten; weil sie zum Beispiel \u2013 wie in einem Krankenhaus im Ruhrgebiet \u2013 niederl\u00e4ndische statt deutsche Covid-19-Patienten gepflegt haben<\/p>\n\n\n\n<p>Parallel dazu werden genau diejenigen, die \u00fcber Jahre mit politischem Eifer, die Pflege \u00f6konomisiert, den Stellenabbau von Fachkr\u00e4ften vorangetrieben und somit die Gewinne von Pflegegro\u00dfkonzernen maximiert haben, nun nach einem leistungsf\u00e4higeren Gesundheitssystem schreien. Das ist zynisch! Der Pflegeberuf ist jahrzehntelang politisch diskreditiert und offensiv vernachl\u00e4ssigt worden. Wenn wir etwas lernen k\u00f6nnen aus dieser Pandemie, dann dies: Es wird h\u00f6chste Zeit, dass wir Menschen wie Pia Silwinski zuh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:10px\">Bild\/Quelle: Matthew Waring\/unsplash<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit geraumer Zeit sehe ich mich in meinem sozialen Umfeld Menschen gegen\u00fcber, die mir ihre Meinungen zur Covid-19-Pandemie unbedingt mitteilen m\u00f6chten. Da ist zum Beispiel die P\u00e4dagogin, die Grundsch\u00fcler als Denunzianten von morgen bezeichnet, weil sie sich gegenseitig an die Maskenpflicht erinnern. 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