{"id":1001,"date":"2021-01-21T12:22:46","date_gmt":"2021-01-21T11:22:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.care-lichtblicke.de\/?p=1001"},"modified":"2021-01-21T21:34:07","modified_gmt":"2021-01-21T20:34:07","slug":"natalie-s-nimmt-sich-als-erzieherin-der-beduerfnisse-sorgen-und-noete-von-kindern-und-ihrer-eltern-an","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.care-lichtblicke.de\/index.php\/2021\/01\/21\/natalie-s-nimmt-sich-als-erzieherin-der-beduerfnisse-sorgen-und-noete-von-kindern-und-ihrer-eltern-an\/","title":{"rendered":"Natalie S. \u2013 nimmt sich als Erzieherin der Bed\u00fcrfnisse, Sorgen und N\u00f6te von Kindern und deren Eltern an"},"content":{"rendered":"\n<p>Natalie S. ist als ausgebildete Erzieherin seit 13 Jahren in einer Kindertagesst\u00e4tte t\u00e4tig. Lange Zeit arbeitete sie dort in einer Gruppe f\u00fcr Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren; mittlerweile ist sie in den U3-Bereich gewechselt.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>In den letzten Wochen war ich vor allem damit besch\u00e4ftigt\u2026<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>mich mit neuen Regelungen und Hygienepl\u00e4nen auseinanderzusetzen, die u.a. umfassen, in der Kita t\u00e4glich jeden einzelnen \u201eLegostein\u201c zu desinfizieren, Kinder immer wieder zu \u201eWaschritualen\u201c zu motivieren und, nicht zu vergessen, Abstand zu halten.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit drei Jahren arbeite ich in einer Gruppe f\u00fcr Kinder in einem Alter von null bis drei Jahren, und f\u00fcr mich pers\u00f6nlich ist der Schwerpunkt hier neben der p\u00e4dagogischen Arbeit und dem Recht auf Bildung vor allem die familienerg\u00e4nzende Position. Viele der Kinder verbringen fast mehr Zeit in der Kita als zu Hause und sind immer wieder auf Zuwendung, K\u00f6rpern\u00e4he und Trost angewiesen. F\u00fcr mich war es zu Pandemiebeginn unvorstellbar, im Kontakt mit den Kindern auf Abstand zu gehen und dabei auch noch eine Atemschutzmaske zu tragen. Den Bed\u00fcrfnissen der Kinder so nachzukommen hielt ich f\u00fcr vollkommen unm\u00f6glich. In den ersten Tagen habe ich damals daher nach M\u00f6glichkeiten gesucht, Kompromisse zu finden. Dazu ein Beispiel aus den ersten Tagen der Pandemie:<\/p>\n\n\n\n<p>Ein M\u00e4dchen hatte sich an meine Schulter gelehnt und ich ahnte, es wollte vielleicht auf meinen Scho\u00df. Es erw\u00e4hnte in unserem Gespr\u00e4ch damals mit keinem Wort, dass es das wollte, aber es schaute mich mit seinen Augen traurig an. Ich habe dem M\u00e4dchen damals meine Hand auf seine Schulter gelegt und versucht, ihm dadurch Halt zu geben, ohne noch mehr k\u00f6rperliche N\u00e4he zuzulassen. Am n\u00e4chsten Morgen wurde ich dann im Austausch mit seiner Mutter \u00fcberrascht. Das M\u00e4dchen hatte ihr erz\u00e4hlt, dass ich es nicht auf den Scho\u00df hatte nehmen wollen, und wohl gesagt: \u201eFrau S. hat mich nicht auf den Scho\u00df genommen, obwohl ich traurig war.\u201c Das hat mich sehr ber\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich war in dem Moment klar, dass ich es ab jetzt in Kauf nehmen muss, mit der Unsicherheit in Bezug auf k\u00f6rperliche N\u00e4he klarzukommen. Ich laufe nicht mit offenen Armen in die Einrichtung, aber ich gebe Zuwendung und Trost auch durch k\u00f6rperlichen Kontakt, wenn es n\u00f6tig ist. Mein Gesicht \u201everstecke\u201c ich nur hinter einem Mund-Nase-Schutz in Bring- und Abholsituationen, denn Emotionen (auch) durch Mimik zu zeigen und auch auf die Empfindungen und Gef\u00fchle der Kinder mimisch zu reagieren, halte ich f\u00fcr enorm wichtig, was die kindlich-emotionale Entwicklung angeht.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Mein pers\u00f6nlicher Care-Lichtblick ist momentan\u2026<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>wie bei vermutlich vielen Menschen die M\u00f6glichkeit der Impfung. Die Hoffnung auf Schutz vor dem Virus ist das, was uns \u201ebei der Stange\u201c h\u00e4lt. Die Hoffnung darauf, einfach unbeschwert zur Arbeit gehen und uneingeschr\u00e4nkt Spielkreise mit den Kindern durchf\u00fchren zu k\u00f6nnen, auf spontanen Austausch mit den Eltern und darauf, wieder nach Lust und Laune mit den Kindern singen und spielen zu k\u00f6nnen &#8211; ohne ein schlechtes Gewissen und\/oder Angst zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Lichtblick ist f\u00fcr mich auch, wie gut die Kinder mit der Situation umgehen. Sie m\u00f6gen \u201edie Coronas\u201c nicht, aber sie stellen sich ihnen mutig entgegen, obwohl sie den Virus kaum verstehen. F\u00fcr sie ist klar: Wegen \u201eCorona\u201c d\u00fcrfen wir vieles nicht und wir vermissen unsere Freunde \u2013 aber wenn \u201edie Coronas\u201c wieder weg sind, dann starten wir richtig durch und alles wird wieder gut. Einen Zweifel am \u201eHappy End\u201c haben die Kinder nicht &#8211; daran nehme ich mir ein Beispiel. Sie k\u00f6nnen in ihrem Optimismus und ihrer Zuversicht f\u00fcr uns ein Vorbild sein und uns Kraft geben, Lichtblicke zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Sich um andere zu sorgen, bedeutet f\u00fcr mich\u2026<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Alltag. Jeder Tag beginnt damit und h\u00f6rt auch damit auf. Ich sorge daf\u00fcr, dass die Kinder die Hygienema\u00dfnahmen einhalten, die Kinder werden grundpflegerisch versorgt und v.a. bem\u00fchen wir uns darum, jedem einzelnen Kind mit all seinen Grundbed\u00fcrfnissen individuell gerecht zu werden: Bist du m\u00fcde oder traurig? Hast du etwas auf dem Herzen? Meine Augen und Ohren sind offen f\u00fcr dich. Ich h\u00f6re dir zu und du kannst mir Dein Herz \u00f6ffnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Egal, ob es um den Bildungsauftrag, eine kleine Verletzung oder \u201eHerzschmerz\u201c geht \u2013 fast jede T\u00e4tigkeit im Kita-Alltag ist mit F\u00fcrsorge verbunden. In Corona-Zeiten ist diese F\u00fcrsorge besonders wichtig, da viele Regeln und Einschr\u00e4nkungen die Kinder verwirren und verunsichern. Kindgerechte Erkl\u00e4rungen, Trost und eine positive Sichtweise helfen allen Beteiligten, besser durch diese Zeit zu kommen. Auch die Kolleg_innen und Eltern m\u00fcssen daf\u00fcr sorgen, dass es einen Austausch und einen Zusammenhalt gibt und dieser erhalten bleibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir m\u00fcssen f\u00fcreinander sorgen \u2013 ohne das geht es nicht.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Meine Vorstellung von einer \u201eSorgenden Gemeinschaft\u201c umfasst\u2026<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>vieles von dem, was ich bereits genannt habe, also werde ich mich auf zwei Punkte beschr\u00e4nken.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sorgen f\u00fcreinander, wenn wir R\u00fccksicht aufeinander nehmen. Die Pandemie wirbelt viele \u00c4ngste auf, mit denen jede_r unterschiedlich umgeht. Besonders unter den Kolleg_innen nehme ich wahr, dass jede_r erstmal ihren\/seinen eigenen Weg in der \u201eCorona-Krise\u201c finden musste.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Kollegin f\u00fchlte sich beispielsweise von Anfang an wohler mit Mundschutz und musste f\u00fcr das Tragen anfangs den einen oder anderen Spruch (z.B. aus der Elternschaft) \u201eschlucken\u201c. Ich finde, als Gemeinschaft sollte man die unterschiedlichen Bed\u00fcrfnisse und \u00c4ngste der Menschen akzeptieren und respektieren. Wenn sich meine Kollegin wohler damit f\u00fchlt, wenn ich auf zus\u00e4tzlichen Abstand zu ihr gehe, versuche ich, auf ihre Bed\u00fcrfnisse einzugehen. Das Gleiche w\u00fcrde ich mir von ihr schlie\u00dflich auch erhoffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiterer Punkt einer \u201eSorgenden Gemeinschaft\u201c ist f\u00fcr mich, dass jede Meinung z\u00e4hlt. Das Reden \u00fcber \u201eCorona\u201c, \u00fcber das, was die Pandemie mit uns macht und wie wir am besten damit umgehen, hilft, gemeinsam diese Zeit zu meistern.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGemeinsam sind wir stark!\u201c Weil ich das so sehe, habe ich f\u00fcr diesen Blog-Beitrag meine Kolleg_innen gefragt, was ihnen als Erstes zum Thema \u201eCorona\u201c auf der Zunge liegt:<\/p>\n\n\n\n<p>Die Einrichtungsleitung sagte dazu: \u201eEs ist belastend, dass die Politik st\u00e4ndig neue Weg einschl\u00e4gt und ich den Eltern keine klare Angabe bzw. Hoffnung machen kann, wann ihre Kinder wieder regul\u00e4r die Kita besuchen k\u00f6nnen. Ich w\u00fcrde die Eltern gerne entlasten, weil zu Hause gef\u00fchlt allen die Decke auf den Kopf f\u00e4llt, aber die Angst vor Ansteckung ist gro\u00df.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Kollegin S. ist seit Langem in Angst um ihre Mutter und geh\u00f6rt auch selbst zur Risikogruppe: \u201eIch sch\u00fctze mich mit einem Mundschutz und der Abstandsregelung, so gut es eben geht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Kollegin H. findet die Situation einfach erm\u00fcdend.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich will ehrlich sein: Viele meiner Kolleg_innen hatten keine Motivation, einen Kommentar abzugeben. \u201eCorona\u201c macht m\u00fcrbe.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir Erzieher_innen m\u00fcssen funktionieren. Wir alle versuchen, einfach weiterzumachen, bis die Situation sich bessert.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Ich werde mich weiterhin daf\u00fcr einsetzen, dass\u2026<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>die Kinder in der Corona-Zeit auch Normalit\u00e4t und Sicherheit erfahren, indem gewohnte Abl\u00e4ufe und (Spiel-)Angebote im m\u00f6glichen Rahmen weiterhin umgesetzt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Transparenz und Offenheit den Eltern gegen\u00fcber m\u00fcssen in Form von Informationen und wenigstens \u201eT\u00fcr- und Angelgespr\u00e4chen\u201c \u00fcber die pers\u00f6nlichen Sorgen und Lebenssituationen am Leben gehalten werden. Viele der Eltern sind versunischert, machen sich viele Gedanken \u00fcber die allgemeine \u201eCorona-Situation\u201c und haben auch mit Gewissensbissen ihren Kindern und\/oder ihrer Arbeit gegen\u00fcber zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es lohnt sich, Einsatz zu zeigen, wenn es um Zusammenhalt geht. Wir Erzieher_innen m\u00fcssen untereinander zusammenhalten und auch die Kinder und Eltern an die Hand nehmen. Wirklich gut funktionieren wir nur als Einheit \u2013 ob mit oder ohne \u201eCorona\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Hoffentlich bleibt nach \u201eCorona\u201c\u2026<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>die Hilfsbereitschaft untereinander und mehr ruhige Familienzeit. Wir alle leben in einer Welt, in der vieles schnell gehen muss und oft beide Elternteile berufst\u00e4tig sind. Auch ich z\u00e4hle zu diesen Menschen. Irgendwie verliert man den Fokus, auch mal zu entschleunigen und einfach nur mit der Familie Zeit zu verbringen. Dabei ist diese Zeit so wertvoll.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Kita bewusst(er) mehr Freispiel anzubieten und die Kinder nicht st\u00e4ndig zu fordern und zu \u00fcberfordern ist bedeutend, damit sich die Kinder frei entfalten k\u00f6nnen. Auch das nehme ich aus dieser Zeit mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Ab und zu aus diesen Kreisl\u00e4ufen auszubrechen und ganz bei sich zu sein, ist etwas, was wir in der \u201eCorona-Zeit\u201c \u00fcben und aus ihr lernen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:10px\">Bild\/Quelle: Das Bild hat Lotte (5 Jahre alt) gemalt. Sie besucht die Kindertagesst\u00e4tte, in der Natalie S. als Erzieherin t\u00e4tig ist.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:10px\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Natalie S. ist als ausgebildete Erzieherin seit 13 Jahren in einer Kindertagesst\u00e4tte t\u00e4tig. Lange Zeit arbeitete sie dort in einer Gruppe f\u00fcr Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren; mittlerweile ist sie in den U3-Bereich gewechselt. In den letzten Wochen war ich vor allem damit besch\u00e4ftigt\u2026 mich mit neuen&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":1004,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[60],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.care-lichtblicke.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1001"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.care-lichtblicke.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.care-lichtblicke.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.care-lichtblicke.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.care-lichtblicke.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1001"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.care-lichtblicke.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1001\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1016,"href":"https:\/\/www.care-lichtblicke.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1001\/revisions\/1016"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.care-lichtblicke.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1004"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.care-lichtblicke.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1001"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.care-lichtblicke.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1001"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.care-lichtblicke.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1001"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}